Zunächst ein paar einfache Gegenfragen: Warum sollte ein Verlag das tun? Wenn er doch stattdessen das Original veröffentlichen kann? Und: WER sollte es tun? Ein Ghostwriter, der das könnte, würde genauso bezahlt werden müssen.
Und wenn Sie es zu Ende denken würden - dürften Sie Ihren Roman überhaupt nicht veröffentlichen! Denn dann steht er zu Tausenden in den Buchhandlungen, und JEDER könnte eine "Stilkopie" anfertigen!
Wenn es so etwas gäbe. Aber das gibt es nicht. Tatsächlich ist der persönliche Stil eines Autors dessen Markenzeichen und praktisch nicht kopierbar, jedenfalls nicht authentisch, sondern allenfalls als Imitation oder Parodie - oder als mißglückte Nachahmung. Denken Sie an die vielen Romane, die die Sprache von Raymond Chandler oder Ray Bradbury nachzuahmen versuchen - und kläglich scheitern. Es funktioniert nicht so. Genausowenig, wie jemals ein Stimmenimitator einem der Popstars, die er imitiert, ernsthafte Konkurrenz gemacht hätte. Jede Feld-, Wald- und Wiesencombo spielt "Satisfaction" von den Rolling Stones, womöglich sogar originalgetreuer als diese - aber nur wenn Jagger selber das singt, ist es das ORIGINAL. Und das ist es, was wir wollen: Originale.
Deshalb ist auch der Gedanke irreführend, man müsse eine bestimmte Sprache oder einen Stil "schaffen". Das stimmt zwar, aber es ist nicht etwas, das man bewußt und planvoll tun kann, sondern eine Entdeckungsreise, ein Weg, etwas, womit man sein ganzes Schriftstellerleben hindurch beschäftigt ist: zu *seiner* Sprache, zu seiner *persönlichen* Stimme zu finden. One's own voice, wie die Amerikaner sagen. Es ist besser, davon als etwas zu denken, das schon in einem ist und das es zu entdecken gilt; denn wenn man es zu machen versucht, wird es manieriert und künstlich.
Um zu Ihrer Frage zurückzukommen, wie sich Verlage da verhalten: sie machen sich ganz einfach nicht die Mühe solcher Tricksereien. Erstens, weil sie ohnehin nichts bringen, zweitens, weil sie, wenn sie auf ein taugliches Manuskript stoßen, einfach zum Telefonhörer greifen und ein Angebot machen. SIE BRINGEN DAS DING EINFACH HERAUS. Kein Verlag geht bewußt das Risiko ein, in einen Prozeß wegen geistigen Diebstahls verwickelt zu werden.
Ihre Sorge, kurzum, ist vollkommen unbegründet. Sorgen Sie sich lieber darum, daß Ihr Buch gut sein und trotzdem nicht gelesen werden könnte, das ist eine viel realere Gefahr.
P.S.: Jemand, der sich mit sowas auskennt, hat mich gebeten, bei diesem Thema hinzuzufügen, daß dieser Rat NICHT für die Filmbranche gilt: dort könnte Ihnen derlei jederzeit und mit hoher Wahrscheinlichkeit passieren. Wenn Sie einem Produzenten Ihre Buchidee erzählen, könnte es sein, daß Sie eine Variante davon im Fernsehen sehen, ehe Sie das Buch fertig haben.