NEIN. Und zwar aus folgenden Gründen:
ERSTENS: Weil ich mich vor dem möglichen Vorwurf schützen muß, ich hätte eine Idee gestohlen.
ZWEITENS: Weil ich - sorry - mit meiner Zeit Besseres anzufangen weiß.
DRITTENS: Weil es Ihnen sowieso weniger nützen würde, als Sie glauben.
Und nun die Erläuterungen zu diesen drei Gründen.
ERSTENS: Weil ich mich vor dem möglichen Vorwurf schützen muß, ich hätte eine Idee gestohlen. --
Ich kenne Sie ja nicht. Angenommen, Sie schicken mir eine Story, in der ein Raumschiff vorkommt. Ich lese sie und schreibe Ihnen meine Meinung dazu. Ein Jahr später kommt ein Roman von mir heraus, in dem ebenfalls ein Raumschiff vorkommt. Und eine Woche danach schreibt mir Ihr Rechtsanwalt, ich hätte Ihre Idee gestohlen, und will die Hälfte meiner Tantiemen.
Wir leben nun einmal in einer von Rechtsanwälten verseuchten Welt, und es wird eher schlimmer statt besser. Die Zahl der hanebüchenen Rechtsstreits steigt, und die Zahl der Urteile, bei denen man sich an den Kopf fassen muß, nicht minder. Deshalb rät man mir dringend, keine unveröffentlichten Texte zu lesen und stattdessen zu erklären, daß ich unverlangt eingesandte Manuskripte ungeöffnet zurückschicken und entsprechende EMail-Anhänge ungelesen löschen werde. Was ich hiermit getan habe.
Richtig heftig würde es nämlich dann werden, wenn Sie mir eine Geschichte schicken, die auf einer Idee beruht, die ich *selber* schon gehabt habe. Was dann? Das mag Ihnen unwahrscheinlich vorkommen, aber es ist mir schon einmal passiert, als Mitglied einer Jury in einem Storywettbewerb: eine der Geschichten beinhaltete eine Idee, die ich so ähnlich selber für einen Roman erwogen hatte. Man stelle sich meinen Schreck vor! Und man stelle sich vor, was gewesen wäre, wenn ich mit diesem Roman schon angefangen hätte? Seither bin ich in dieser Hinsicht ziemlich sensibel. (Besagte Geschichte hat übrigens nichts Gescheites aus der Idee gemacht. Sowas ärgert einen dann zusätzlich.)
ZWEITENS: Weil ich - sorry - mit meiner Zeit Besseres anzufangen weiß. --
Es ist ja nicht so, daß ich das, was ich übers Schreiben weiß, eifersüchtig für mich behalte. Sie können mir jederzeit konkrete Fragen zum Schreiben, Publizieren, über Verlage und Manuskripte und was Ihnen sonst noch einfällt schreiben, und bisher habe ich alle derartigen Fragen beantwortet, so gut ich konnte. Und auf meiner Website (www.AndreasEschbach.de) habe ich eine Rubrik "Über das Schreiben" eingerichtet, in der ich die Fragen gesammelt habe, die mir andere gestellt haben, und meine Antworten darauf.
Aber jemandes Roman zu lesen und etwas Fundiertes dazu zu sagen, das ist richtig Arbeit. Das kostet richtig fett Zeit. Würde ich sagen, "ja, klar, nur her damit", dann würde ich - gleiches Recht für alle - so zugemüllt mit Texten (von denen, da muß man realistisch sein, mindestens 99,9% zum Sterben schlecht, kreuzlangweilig oder schlicht unlesbar wären - was sollte man dazu dann sagen außer "Junge, laß es"?), daß ich nie wieder dazu käme, einen eigenen Roman zu schreiben. Und das wäre doch schade - abgesehen davon, daß ich dann auch nichts mehr verdienen würde und folglich verhungern müßte.
DRITTENS: Weil es Ihnen sowieso weniger nützen würde, als Sie glauben. --
Um es krass zu sagen: Die meisten beherzigen Tipps ohnehin nicht. Im Gegenteil, mit den meisten verdirbt man es sich eher, wenn man seine wahre Meinung sagt, weil sie nämlich im Grunde gar keine Tipps wollen - sie wollen entdeckt werden. Sie wollen, daß ein Mensch mit "den nötigen Connäkschns" ihren Roman liest, vor Ehrfurcht in den Boden sinkt und sofort Marcel Reich-Ranitzki und Peter Unseld anruft, damit die schon mal den roten Teppich ausrollen und ihrerseits das Nobelpreis-Komitee anrufen. Da wären alle Nörgeleien an solchen lästigen Beiläufigkeiten wie Kommasetzung und Grammatik doch echt kleinkariert, oder?
Aber mal angenommen, Sie sind einer von den hundert, die *wirklich* einen Tipp wollen und auch bereit sind, ihn zu beherzigen. Dann kann ich Ihnen ja folgendes anvertrauen: Schreiben "können" - das ist nicht eine Frage der Tipps, die man bekommt oder nicht bekommt. Das hat etwas zu tun mit Talent - das man hat oder nicht, aber wenn es einen zum Schreiben drängt, dann hat man es meistens - und vor allem mit Training. Übung. Durchhaltevermögen, Ausdauer - das ist alles enorm wichtig. Schreiben Sie, soviel wie möglich. Und veröffentlichen Sie soviel wie möglich. Das kann schon darin bestehen, daß Sie Ihre Manuskripte im Freundeskreis kursieren lassen: hören Sie sich ruhig an, was die Cousine Ihrer Frau dazu sagt. Und wenn Sie es nicht gut findet, dann widersprechen Sie nicht und belegen Sie sie nicht mit Tiernamen, sondern überlegen Sie sich, woran es liegen kann, daß es ihr nicht gefällt. (Sie versteht vielleicht nichts von Literatur, aber sie weiß, wann ihr etwas gefällt - und sie ist nicht dazu verpflichtet, vernünftige Gründe dafür zu haben.) Überlegen Sie, was Sie tun können, um auch sie zu erwischen und um ihren Nachtschlaf zu bringen.
Das tun Sie ein paar Jahre lang (ja, ich sagte "Jahre" - was dachten Sie denn?), schreiben fünf oder zehn Romane (das Wort vorhin war "Training", Sie erinnern sich?), bis Sie einen Roman haben, von dem Sie sagen, der ist jetzt wirklich verdammt gut geworden - und mit dem (und mit der gleichen Impertinenz, die Sie zehn unbrauchbare Romane hat schreiben lassen) gehen Sie dann zu Verlagen. Dort treffen Sie dann auf Lektoren, und die werden Ihnen Tipps geben, soviel Sie wollen. Im Unterschied zu mir werden die nämlich dafür bezahlt.
Und im Unterschied zu mir sind die auch viel duldsamer. Das ist noch so ein Punkt: Es birgt auch seine Gefahren, einen anderen Schriftsteller um seine Ansicht zu einem konkreten Text zu bitten. Denn jeder Schriftsteller - ich nehme mich da überhaupt nicht aus - will im Grunde, daß alle Leute WIRKLICH GUT schreiben, und WIRKLICH GUT heißt natürlich, SO WIE ER SELBER. Das heißt, angenommen, ich würde Ihren Text lesen und Ihnen Tipps dazu geben, dann wären es unweigerlich Tipps, die Sie dazu bringen sollen, mehr wie ich zu schreiben. Wenn Sie die womöglich auch noch beherzigen, dann verlieren Sie am Ende das, was Sie zu einem eigenständigen Autoren gemacht hätte.
Was sagt uns das? Vielleicht das: Der Weg eines Autors ist ein einsamer, und das, worauf es ankommt, muß letztlich jeder für sich herausfinden.
Wenn Sie jetzt immer noch wollen, daß ich mir die Mühe mache, Ihre unveröffentlichten Sachen zu lesen, dann müssen Sie sich zumindest die Mühe machen, in eines der Schreibseminare zu kommen, die ich hin und wieder bei der Bundesakademie in Wolfenbüttel abhalte.