Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
Nächste Frage>>

Übersicht
Gesamtübersicht


Home
News
Bücherbord
Pinwand
Schublade
Kalender
Tagebuch
Privates Mail

Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Hätten Sie vielleicht ein Jahr lang ausgesetzt und nur geschrieben, wie das zum Beispiel ein Freund von mir vorhat, der ein unglaublich guter Gitarrenspieler ist und vor dem Musikstudium ein Jahr lang nur musizieren will, um sich zu verbessern?

    Es gab mal eine Zeichentrickserie, in der es immer hieß: "Gute Idee/schlechte Idee" - weiß nicht mehr, wie die hieß. Jedenfalls in Anlehnung daran sage ich dazu: "Gute Idee: einen veröffentlichungsreifen Roman schreiben. Schlechte Idee: dafür ein ganzes Jahr aussetzen."

    Was einen Weg als Musiker anbelangt, kann ich mir vorstellen, daß das sinnvoll sein mag. Aber was das Schreiben anbelangt, bin ich der Überzeugung, daß das das Schlechteste ist, was Sie sich antun können. In dieser Hinsicht sind Musik und Schreiben völlig verschieden.

    Was passieren würde, ist folgendes: Sie haben ein Jahr Zeit und fühlen sich unter dem Druck, das nun zu nutzen. Sie schleichen um den Schreibtisch. Sie finden Ausreden, warum Sie heute nicht schreiben können. Sie raffen sich auf, schreiben etwas, finden es gräßlich und werfen es weg. Oder Sie finden es genial, obwohl es gräßlich ist. Das Jahr würde herumgehen, und Sie würden allen Spaß am Schreiben verloren haben und davon überzeugt sein, daß Schreiben etwas unglaublich Schwieriges ist. Und ich würde was drauf wetten, daß Sie wahrscheinlich keinen veröffentlichungsreifen Roman zustandebringen.

    Dieses "ich nehme ein Jahr frei und schreibe meinen großen Roman" ist eine romantische Vorstellung, die mit der Wirklichkeit des Lebens als Schriftsteller fast nichts zu tun hat.

    Deswegen nun die Fakten:

    1. Ganz wichtig für einen Schriftsteller ist, daß er auf irgendeine Weise wirtschaftlich unabhängig ist. Unabhängig von den Verlagen, meine ich damit. Meistens heißt das (wenn man nicht Erbe eines großen Vermögens ist oder eine gutverdienende Frau hat), daß man einen "Brotberuf" haben muß. Wenn Sie schreiben MÜSSEN, nur um zu überleben, dann kriegen Sie nur schlechte Verträge, wenig Geld, müssen plötzlich Sachen schreiben, die Ihnen keinen Spaß machen, und eines Tages stellen Sie fest, daß Sie nur noch Übersetzungen oder Kurzromane für Frauenzeitungen schreiben. (Ich kenne etliche solche Schriftsteller.) Und das ist ja nicht der Sinn der Sache. Schreiben soll ja in ersten Linie Freude sein - und um sich das zu bewahren, muß man ein anderes wirtschaftliches Standbein haben.
    2. Aber kommt man denn dann noch zum Schreiben? Ja. Das hat in erster Linie nicht mit Zeit, sondern mit Motivation zu tun. John Grisham hat seine ersten beiden Romane geschrieben, während er Anwalt war und mehr gearbeitet hat, als Sie und ich uns überhaupt vorstellen können. Er ist statt um 5:30 um 5:00 im Büro gewesen, um irgendwann im Lauf des Tages eine halbe Stunde freizuschaufeln, in der er ein bißchen schreiben konnte. Und siehe da! Entscheidend ist, daß man eine Idee hat, die einen fasziniert, und diesen Roman UNBEDINGT schreiben will.
    3. Man kann auch zuviel Zeit zum Schreiben haben. Ich bin jetzt 40, meinen ersten Roman habe ich vor 28 Jahren geschrieben, und ich habe vor einiger Zeit meine Tagebücher durchforstet, um festzustellen, wann ich was geschrieben habe - und festgestellt, daß ich oft am besten und meisten geschrieben habe in Zeiten, in denen ich auch anderweitig stark eingespannt war. Ich habe den größten Teil von "Solarstation" geschrieben in der Zeit, als ich meine Firma gegründet habe - da bin ich oft nachts um 10 oder 11 heimgekommen, habe mich mit dem Schwung eines aufreibenden Tages hingesetzt und noch ein paar Seiten geschrieben. Ich habe in meiner Schulzeit einmal einen kurzen Roman in einer Woche geschrieben - in der ich zwei Klassenarbeiten hatte und zweimal nachmittags Schule. Einen Rhythmus zu haben, der den Tag prägt, kann sehr hilfreich sein. Erst jetzt, da sich die Waagschale zwischen Erwerbsberuf und Schreiben bei mir allmählich zum Schreiben hin neigt, merke ich, daß es ganz schön schwierig sein kann, mit VIEL freier Zeit umzugehen, und was das betrifft, übe ich selber noch. Doch, man kann zuviel Zeit zum Schreiben haben - und das Ergebnis ist, daß man so gut wie nichts zustande bringt.
    4. Wenn man schreiben will, muß man auch was ERLEBT haben! Und, auch wenn Sie das vielleicht nicht glauben mögen, glauben Sie es mir trotzdem: mit 18 hat man heutzutage noch nichts erlebt. Man ist aufgewachsen in einer heilen, behüteten Welt, und das Leben mit seinen Höhen und Tiefen kommt erst. Also hinaus und hinein ins Leben - ein Rückzug ins Eremitenstübchen ist das Falscheste, was Sie tun könnten!

    Wenn Sie 35 wären, schon fünf dicke Romane geschrieben hätten, von denen einer beinahe genommen worden wäre, und Sie sich nun ein "freies Jahr zum Schreiben" nehmen wollten - das könnte Sinn machen. Aber in Ihrer Situation sage ich: tun Sie sich das nicht an!

    (Nachtrag: Ich soll Ihnen einen schönen Gruß von meiner Frau sagen - wenn Sie ein Jahr aussetzen zum Schreiben, dann nehmen Sie in der Zeit zumindest einen Job an, mit dem Sie über die Runden kommen, und liegen Sie nicht Ihren Eltern auf der Tasche.)

    (Nachtrag zum Nachtrag: Wenn Sie vor dem Berufsanfang oder Studium ein Jahr aussetzen, dann reisen Sie durch die Welt. Und fangen Sie hinterher mit dem Schreiben an.)


    www.AndreasEschbach.com
    Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung.