Nach dem, was Sie schreiben, habe ich das Gefühl, daß Sie in einer Art Schuldzuweisung Ihrem Brotberuf gegenüber verharren: dieser blöde Job ist schuld, daß ich nicht wirklich das schreiben kann, was ich will.
Eine sehr "praktische" Haltung: erstens haben Sie dadurch eine Rechtfertigung dafür, zuhause nichts aufs Papier zu bringen, und brauchen sich nicht der Furcht zu stellen, womöglich nichts zu sagen zu haben. Zweitens erlaubt sie Ihnen, das, was Sie in Ihrem Job tun, nachlässig zu tun - weil es Sie ja nicht interessiert. Wiederum können Sie der Furcht ausweichen, daß Sie Ihr Bestes geben und es eben nicht das Beste ist.
Ob es wirklich die Lösung wäre, in einen "geistig anspruchslosen" Job zu wechseln, bezweifle ich: von einem Tagewerk als Kurierfahrer kann man abends "körperlich völlig erledigt" heimkommen, außerstande, noch einen Griffel zu halten, als Fabrikarbeiter kann man "geistig völlig austrocknen von der täglichen Öde", usw. - wenn man Ausreden braucht, findet man immer welche. Das ist ein Gebiet, auf dem jeder Mensch kreativ ist wie nur was.
Ich finde übrigens nicht, daß Gemeindeversammlungen per se uninteressant sind. Im Gegenteil: Sie sind da mitten drin im prallen Leben - und NUTZEN es nicht??!! Ein Schriftsteller kann es sich nicht leisten, sich für irgendetwas NICHT zu interessieren! Und es gibt nichts, was für einen Schriftsteller nicht von größtem Nutzen sein könnte. Sie sitzen da in der Gemeindeversammlung - beobachten Sie die Menschen, wie sie reden, sich geben, sammeln Sie Typen für Ihre Romane! Ein Verkehrsunfall - machen Sie sich kundig, was aus den Opfern, den Angehörigen wird, wie der Unfall ihre Schicksale beeinflußt, ihre Lebensentwürfe durcheinanderbringt! Ein Gesetzentwurf - nehmen Sie das zum Anlaß, über die verborgenen Zusammenhänge der Gesellschaft nachzudenken! Ihr Chef pflaumt Sie an - beobachten Sie, wie Sie sich fühlen, was er sagt, was da abgeht: kann man alles brauchen. Ihre Gefühle, wenn Sie morgens ins Büro schlappen: Stoff! Überall Stoff, wohin man schaut!
Wenn ich Ihnen raten soll, dann möchte ich Ihnen empfehlen, die beiden Bereiche getrennt voneinander zu behandeln. Sie haben einen Job, in dem es Ihnen nicht gefällt. Und Sie möchten schreiben, Ihr Eigenes, und es fällt Ihnen schwer. Betrachten Sie beide Probleme unabhängig voneinander, und geben Sie die Idee auf, man könne vom einen ins andere flüchten - das funktioniert nicht.
Was Ihren Job betrifft, können Sie versuchen, Ihre Einstellung dazu zu wandeln ("Trainingslager für Schriftsteller", "Rohstoffquelle"), oder, wenn das nichts hilft, sich anders zu orientieren. Aber betrachten Sie das unabhängig von Ihren schriftstellerischen Ambitionen: ein Job muß an sich gewissen Spaß machen, denn man bringt viel Zeit damit zu. Und: man sollte diesbezüglich Entscheidungen nur aus kühler Überlegung heraus treffen, nicht aus aufgewühlten Gefühlen heraus.
Und was das Schreiben anbelangt, vermute ich bei Ihnen eine gewisse Neigung zum Perfektionismus - in dem Sinne, daß man lieber gar nichts schreibt, ehe man was schlechtes schreibt. Nur leider lernt man nicht, gut zu schreiben, wenn man nichts schreibt. Ich möchte Ihnen das Buch "Writing Down The Bones" von Nathalie Goldberg ans Herz legen (leider nur in Englisch): die Übungen darin können Sie retten.