Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Es ist so, daß ich schon oft darüber nachgedacht habe, einen eigenen Roman zu schreiben. Es gibt nur ein großes Problem: Ich habe keine Ideen. Woher, um alles in der Welt, nehmen Sie Ihre Ideen?

    Ich entnehme meine Ideen meinen Notizbüchern, die ich in den verschiedensten Größen und Ausführungen permanent mit mir herumschleppe - und dort finde ich meine Ideen, weil ich sie notiert habe in dem Moment, in dem sie mir eingefallen sind. Ich blättere diese Notizbücher immer wieder durch, wobei ich nicht selten Ideen ZU anderen Ideen bekomme - so bilden sich nach und nach die Grundideen für Romane heraus.

    Meiner Beobachtung nach gibt es keine Menschen ohne Ideen. Jeder hat Ideen, die meisten vergessen sie nur gleich wieder und machen nichts daraus. Mit Ideen umzugehen muß man erlernen. Folgendes sollten Sie ausprobieren:

    1. Kaufen Sie sich ein kleines, hübsches Notizbuch mit vielen verlockend leeren Seiten.
    2. Tragen Sie es immer bei sich, dazu einen Kugelschreiber, beides griffbereit.
    3. Schreiben Sie, wann immer Ihnen ein Gedanke durch den Kopf geht, der einer Idee zumindest entfernt ähnelt, selbigen sofort auf. Egal, ob er gut oder schlecht ist, originell oder trivial - Masse zählt. Wer viele Ideen hat, hat auch mal eine gute. (Jetzt kennen Sie mein Geheimnis.)
    4. Das müssen nicht nur Ideen für Romane sein. Notieren Sie auch Fragen ("Soll ich den Job bei XY annehmen?" "Wie könnte ich Z dazu bringen, mit mir auszugehen?"), spinnen Sie herum ("der Typ da drüben sieht aus wie ein russischer Geheimagent. Vielleicht hat er Plutonium in seiner Tasche?"), beobachten Sie ("das Gerichtsgebäude ist in derselben Farbe gestrichen wie die Garage von Tante Hermine"). Hauptsache: Sie kritzeln herum. Womöglich macht es sogar Spaß. (Sollten Sie sich allerdings gar nicht damit anfreunden können, Gedanken schriftlich festzuhalten, sollten Sie das mit der Schriftstellerei jedoch tatsächlich ad acta legen.)
    5. Nutzen Sie jede Wartezeit (Straßenbahn, Arztpraxis usw.), um darin zu blättern. Sie werden erstaunt sein, an wie viele Gedanken Sie sich überhaupt nicht mehr erinnern! Und das, obwohl es mitunter erst eine Woche her ist. (Ach ja: kein Fehler, sich anzugewöhnen, das Datum zu notieren.) Und Sie werden von manchen Ideen, Fragen usw. zu weiteren Gedanken angeregt... Das nennt man "Schreibdenken", und in der geschilderten Weise erlernt man es.

    Sicherlich haben unterschiedliche Menschen unterschiedlich viele und unterschiedlich gute Ideen. Das nennt man bekanntlich Kreativität. Es scheint so zu sein, daß sehr kreative Menschen oft ein sehr schlechtes Gedächtnis haben - und umgekehrt, als schlössen sich diese beiden Fähigkeiten zum Teil aus. (Wenn Sie also wirklich GAR KEINE Ideen haben sollten, können Sie es womöglich als Gedächtniskünstler zu Weltruhm bringen?!)

    Dann kann es natürlich sein, daß Sie allerhand Ideen haben, aber keine davon sich auf einen Roman bezieht. Dann sollten Sie sich auch nicht grämen. Falls Sie ein neues Krebsmittel erfinden, eine neue mathematische Theorie, einen tollen Werbeslogan oder eine Methode, Kondensmilch so zu verpacken, daß sie beim Aufmachen nicht spritzt, wäre das genauso toll. Wenn nicht toller.


    www.AndreasEschbach.com
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