Ein junger Autor muß zunächst mal gar nichts. Allenfalls muß er sich klar machen, daß es in Deutschland wahrscheinlich mehr Leute gibt, die Kurzgeschichten schreiben, als solche, die auch welche lesen. Das ist so wie mit Gedichten - wenn jeder, der Gedichte schreibt und nach Möglichkeiten sucht, sie zu veröffentlichen, auch selber regelmäßig Gedichtbände kaufen und lesen würde, wäre Lyrik der größte Markt der Belletristik, und zwar mit Abstand. Ist er aber bekanntlich nicht. Was bedeutet, daß die Gedichtschreiberei ein Ego-Trip ist: man will den anderen seine Ergüsse aufdrängen, basta. Und was Kurzgeschichten anbelangt, ist dahinter die treibende Kraft häufig die, daß man damit eben so schön schnell fertig ist. Mit anderen Worten, wenn ich von jedem fünf Euro bekäme, der Kurzgeschichten schreibt aus dem Grund, daß er sich einen Roman nicht zutraut, wäre ich ein reicher Mann. Und ein Roman ist, wenn man noch keinen geschrieben hat, ein furchteinflößendes Projekt, das muß man ganz klar sehen. Hunderte von Seiten, und auf jeder kann alles schiefgehen - das ist wie die Ersteigung der Eiger-Nordwand. Es wäre unnatürlich, keine Angst zu haben. Der Punkt ist, trotz der Angst zu handeln.
Deshalb als generelle Regel, daß man nur schreiben sollte, was man auch wirklich selber gern liest. Nur das kann man auch authentisch schreiben.
Wobei sich Kurzgeschichten natürlich gut eignen, um zu üben, und manchmal entstehen auch schöne Sachen, und manchmal kann man auch eine veröffentlichen. Ganz klar. Aber eine schriftstellerische Karriere kann man meines Erachtens nicht darauf aufbauen, jedenfalls nicht hierzulande.