Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Frey schreibt, dass Lektoren meistens verhinderte Schriftsteller sind. Ich kenne das aus dem Journalismus (wo ich oft Texte anderer redigieren muss) - auch dort hat man das Gefühl, dass Chefs vom Dienst den Autoren ihren eigenen Stil aufzwängen bzw. durch Änderungen ihre Existenzberechtigung unter Beweis stellen wollen. Ich frage mich z.B. wirklich, welchen Sinn es macht, dass meine Lektorin tausend Änderungen macht wie "grübelte" statt "überlegte" oder "murmelte" statt "flüsterte" oder so ähnlich. Als Anfänger nehme ich das meist klaglos hin, weil mein Herz nicht am Wort "überlegte" hängt. Und fairerweise sei gesagt, dass sie auch viele Ungereimtheiten und Fehler aufgespürt hat.

    Sicher gibt es verhinderte Schriftsteller unter Lektoren, manchmal sogar unverhinderte. Früher habe ich mir da auch immer Sorge gemacht, aber inzwischen habe ich gemerkt, daß es darauf gar nicht so ankommt, sondern auf etwas anderes: wie gut einer LESEN kann. Klar, lesen kann jeder, aber es gibt über das normale Lesen (=verstehen, was die schwarzen Flecken auf dem Papier bedeuten) hinaus weitere Levels, und ein Lektor sollte, egal ob er selber schreibt oder nicht, sich im obersten davon aufhalten. Es gibt das Level, daß einer versteht, was das, was da steht, bedeutet. PISA lehrt uns, daß schon das eine im Schwinden begriffene Fähigkeit ist. Es gibt das - höhere - Level, daß einem jemand sagen kann, "ja, hat mir gefallen" oder "ich fand's ein bißchen langweilig ab dem 4. Kapitel" oder "ich mochte die Figur des Kowalski". Ein Lektor aber muß jemand sein, der ganz genau hinlesen kann, der einem sagen kann, "die Beschreibung des Hauseingangs auf S. 134 ist ein bißchen diffus, und ich glaube, es ist das und das Wort, was stört" oder "der Satzaufbau hier stört den Fluß der Handlung, weil die Schlag auf Schlag geht, in den Sätzen aber immer noch jede Menge Zeug erklärt wird" oder "dieses Wort hier reimt sich auf jenes im nächsten Satz, das irritiert" und lauter solche Dinge.

    Die Fähigkeit, so LESEN zu können, muß man genauso üben wie die Fähigkeit, so SCHREIBEN zu können, und man hat sie als Schriftsteller NICHT automatisch.

    Betrachten Sie doch den Prozeß. Ein Lektorat ist im Prinzip eine Sammlung von detaillierten Ratschlägen zum Text. Die sind dazu da, daß Sie sie sich durch den Kopf gehen lassen und prüfen, ob Sie, wenn Sie sie befolgen, einem guten Buch näherrücken oder nicht. Manchmal bringen Sie solche Ratschläge auch auf Ideen, es ganz anders zu machen. Aber immer sind SIE es doch, der das letzte Wort hat. Wäre es anders, würden Sie das Manuskript doch gar nicht wiederkriegen. Dann würde sich der Lektor Ihre Datei geben und alles so umschreiben, wie er es für richtig hält, und Sie können sich das Ergebnis dann im gedruckten Buch angucken. (Das gibt es allerdings tatsächlich auch. Und es gibt Autoren, denen das gar nichts ausmacht. Unvorstellbar, oder?)

    Mein Ratschlag: Übernehmen Sie, was Sie für richtig finden. Fragen Sie nach bei Änderungsvorschlägen, die Sie nicht verstehen. (DEFINIEREN Sie sie auch als Vorschläge in Telefonaten. "Frau Lektorin, Sie haben auf S. 467 vorgeschlagen, 'grübelte' statt 'überlegte' zu verwenden. Aber Kowalski hat es an der Stelle doch verdammt eilig, er kann nicht lange grübeln, er muß kurz nachdenken und zack. 'Grübeln' scheint mir die Handlung aufzuhalten, oder was meinen Sie?") Wenn Sie es nicht übertreiben, macht sich das nicht schlecht. Ein Autor, der sich ernsthaft mit seinem Text und dessen Lektorat auseinandersetzt, anstatt einfach jeden gottverdammten Schreibfehler bis aufs Blut zu verteidigen, wo gibt's das schon in deutschen Landen?


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