Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
Nächste Frage>>

Übersicht
Gesamtübersicht


Home
News
Bücherbord
Pinwand
Schublade
Kalender
Tagebuch
Privates Mail

Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Das Verzweifeln an den Verlagen und Lektoren, den oft dümmlichen, ignoranten, besserwisserischen Aussagen, die man bekommt... wenn man überhaupt welche bekommt...

    Da muß man durch. Das ist die große Prüfung der Entschlossenheit. Das ist der Reisberg, durch den man sich essen muß, wenn man ins Schlaraffenland will. (Die schlechte Nachricht: drinnen gibt es weitere Reisberge...)

    Mittlerweile kenne ich auch die "andere Seite" ganz gut, die Seite der Lektoren. Und glauben Sie mir, das sind auch geplagte Leute.

    Stellen Sie sich vor, Sie sind Lektor. Auch ohne daß ein einziges unverlangt eingesandtes Manuskript auf Ihren Schreibtisch kommt, haben Sie mehr als genug zu tun mit der Betreuung der laufenden Buchprojekte, eilen von einer Besprechung mit der Werbeagentur zu einer Konferenz mit der Vertriebsabteilung, müssen Umschlagentwürfe anmahnen und Fahnen korrigieren und so weiter. Doch zu alldem kommen diese Manuskripte, je nachdem, wie bekannt Ihr Verlag ist, bis zu 50 Stück pro Woche! Und Sie haben noch im Ohr, was der Verlagsleiter bei jeder Besprechung geradezu gebetsmühlenartig wiederholt: "Wir müssen junge Talente finden und aufbauen, vielversprechende deutsche Autoren, die Lizenzgebühren für die amerikanischen Autoren fressen uns sonst noch auf!" Und dabei guckt er Sie immer so bedeutungsvoll an - also ist Ihnen klar, Sie müssen die Berge von Papier sichten. Vielleicht ist die nächste Rosamunde Pilcher drunter oder der nächste Günter Grass oder der deutsche John Grisham, wer weiß.

    Zum Glück sind die meisten so erbämlich schlecht, daß ein Blick darauf genügt, um sie auszusortieren. Bei vielen reicht es, die ersten drei Seiten zu lesen, um zu wissen: der Autor hat's einfach nicht drauf. Ab und zu finden Sie ein Manuskript, das "etwas hat" - aber so noch nicht veröffentlichbar ist. Vielleicht hat der Autor eine schöne Sprache, sie aber an ein ganz blödsinniges (oder unverkäufliches) Thema verschwendet. (Das gibt es. Bücher über die alten Ägypter gehen gut, Bücher über die alten Griechen sind Blei in den Regalen. Solche Erfahrungen. Wobei es in zwei Jahren genau umgekehrt sein kann, wer weiß?) Oder der Roman, den Sie lesen, hat Längen, nimmt eine ungeschickte Wendung, traut sich nicht wirklich an das Thema heran. Das sind dann die Manuskripte, die Sie mit einem geschriebenen Brief begleitet zurückschicken, vielleicht sogar den Autor anrufen (der Rest kriegt nur höflich-schwammige Formbriefe, die die eigentliche Aussage kaschieren sollen, die da lautet: Bitte schicken Sie uns nie wieder was, danke.).

    Und immer träumen Sie von dem Tag, an dem Sie das (nahezu - Sie als Lektor wollen ja auch noch was dazu beitragen können) vollkommene Manuskript aufschlagen, dem Tag, an dem Sie einen Hammer von Buch in der Post vorfinden, einen Stapel Papier, mit dem Sie direkt ins Büro des Verlagsleiters stürmen werden, um es ihm hinzuknallen, mitten auf seinen großen Schreibtisch, und zu sagen: "Da! Lesen Sie das, und erbleichen Sie!"

    Einstweilen haben Sie aber nur diese Beinahe-Bücher, diese Werke, bei denen Sie schwanken, ob Sie sich dafür einsetzen sollen oder nicht. Sie schreiben dem Autor oder rufen ihn an. Und was erleben Sie in der Mehrzahl der Fälle? Am anderen Ende der Leitung lebt ein Genie an Uneinsichtigkeit, das darauf beharrt, daß an keinem Komma auch nur das geringste geändert wird. "Entweder es wird so gedruckt, wie ich es geschrieben habe, oder gar nicht." Also drucken Sie es gar nicht. - Möglicherweise können Sie es vermeiden, nach einer Kette solcher Frustrationen zynisch, gleichgültig oder gehässig zu werden: dann haben Sie es immer noch mit Autoren zu tun, die zwar willig sind, Änderungen zu machen, ihre Romane dadurch aber nicht verbessern. Autoren, die kein Komma auf ihrer Tastatur zu haben scheinen. Autoren, die nicht wissen, was ein Absatz ist. Autoren, die zwar erzählen können, aber ständig die Zeiten verwechseln. Autoren, die Änderungen zusagen, sich aber nie wieder melden. Das kann einem das Lesen ganz schön verleiden. Irgendwann stellen Sie fest, daß Sie abends lieber ins Kino gehen...

    Also: es ist auf beiden Seiten ein Ringen. Und ich glaube, es MUSS ein Ringen sein. Schwerter schmiedet man im Feuer, nicht im warmen Bett.


    www.AndreasEschbach.com
    Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung.