Das ist schon richtig: das Urheberrecht entsteht mit der Erstellung eines Werkes, es bleibt unabdingbar im Besitz des Urhebers (man kann es nicht verkaufen o.dgl., man kann es nur lizensieren), und es erlischt erst 70 Jahre nach dem Tode des Urhebers. Ab diesem Zeitpunkt darf jeder mit dem Werk machen, was er will. Da z.B. J.W. Goethe oder Karl May schon lange genug tot sind, darf heute jeder, der will, ihre Romane nachdrucken, ohne irgendjemandem dafür einen müde Cent Tantiemen zu schulden und ohne daß ihn jemand verklagen könnte.
Ein extra Schutz des Manuskripts ist nicht erforderlich. Man muß es auch nirgends anmelden. Allenfalls sollte man im Streitfall imstande sein, zu beweisen, daß man es geschrieben hat und wann. Dazu reicht es aber, daß Leute aus Ihrem Umfeld bezeugen könnten, wann sie es gelesen haben. Und in der Realität gibt es solche Streitfälle auch nicht. Es gibt sie einfach nicht, weil kein Verlag in dieser Richtung ein Risiko eingeht. Würde nämlich ein Verlag Ihr Buch ohne Ihre ausdrückliche Zustimmung (üblicherweise niedergelegt in einem Verlagsvertrag) drucken, könnten Sie ohne weiteres verlangen, daß die gesamte Auflage restlos eingestampft wird. Der Verlag würde Hunderttausende einbüssen - ein Verlust, an dem mancher Verlag Pleite gehen würde.
(Was in der Vergangenheit vorkam, war, daß irgendwo im fernen China oder in Usbekistan jemand einen Roman übersetzt und druckt, ohne daß der Autor davon erfährt. Aber alle diese Länder wollen Mitglieder der Welthandelsorganisation werden, und dafür müssen sie das Welturheberrechtsabkommen unterzeichnen: damit werden selbst diese schwer zu verfolgenden Fälle seltener werden.)
So. Alles bisher gesagt bezieht sich auf WERKE. Das heißt, auf ausformulierte Texte, Geschichten, Erzählungen und dergleichen. Etwas anderes sind IDEEN. Ideen sind nämlich nicht schützbar. Die bloße Idee zu einem Werk können Sie weder patentieren noch sonstwie schützen. (Das hat auch seinen Sinn. Wäre es anders, würde sich jemand die Romanidee "Junge trifft Mädchen und verliebt sich in sie" schützen lassen, und das gesamte Genre der Liebesromane stürbe aus.)
Das macht normalerweise nichts, weil die Grundideen von Romanen selten sonderlich originell sind. Es ist fast alles schon mal dagewesen, und es kommt nicht auf die Idee an, sondern darauf, was ein Autor daraus macht. Aber es gibt Ausnahmen. Es gibt Werke, die auf sehr starken Ideen basieren. Im Film spricht man vom "High Concept". Ein Beispiel für ein "High Concept" war die Grundidee des Films "Jurassic Park": Was wäre, wenn man aus dem Blut von in Bernstein eingeschlossenen Mücken die DNS von Dinosauriern gewinnen könnte, so daß man diese durch Klonierung wieder ins Leben rufen könnte? Ein High Concept ist eine Idee, die das Potential hat, jeden, der sie hört, zu faszinieren: Wow, das will ich sehen/lesen! ist die Reaktion darauf.
Leider muß man auch folgendes feststellen: Auch wenn die Gefahr des Ideenklaus in der Verlagswelt vernachlässigbar ist - in der Filmbranche ist sie es nicht. Im Gegenteil, dort wird geklaut, was das Zeug hält. Oft durchaus unbeabsichtigt. Da liest einer ein Manuskript, die Grundidee gefällt ihm, er erzählt sie seinem Kumpel beim Bier. Der erzählt sie jemandem, ohne zu erwähnen, daß sie aus einem unveröffentlichten Buch stammt. Dieser wiederum ist Filmproduzent und sagt am nächsten Tag zu seinem Lieblings-Drehbuchautor: "Hey, laß uns doch mal einen Film machen über X." Wobei X die geniale Idee aus dem Manuskript ist. Und nun beweisen Sie mal, daß er diese Idee von Ihnen hatte!
Eine solche Idee können Sie nur geheimhalten, bis Sie in der Position sind, ein Werk daraus zu machen, das dann veröffentlicht wird. Ab diesem Zeitpunkt schützt die Veröffentlichung die Idee, weil offensichtlich wäre, wann jemand sie klaut. (Die Grundidee meines jüngsten Romans "Eine Billion Dollar" war eine Idee, die ich lange Zeit mit mir herumgetragen, aber geheimgehalten habe, bis ich soweit war, einen darauf beruhenden Roman veröffentlichen zu können.)
Aber solche "High Concepts" sind selten. Sehr, sehr, sehr selten. Sollte Ihr erster Roman wirklich und wahrhaftig auf einer solchen Idee basieren, dann bliebe Ihnen nur ein Weg: einen zweiten Roman zu schreiben, der auf einer weniger eigenständigen Idee beruht, und diesen begutachten zu lassen. Aber irgendwie kann ich mir das nicht vorstellen. Dann hätte doch einer der Agenten oder Verlage, an die Sie sich schon gewandt haben, zugeschlagen, oder?
Daß Verlage und Agenten sich nicht für ein Manuskript interessieren, hat selten mit dessen Idee zu tun (meist lesen sie nicht weit genug, um diese Idee überhaupt zu erfassen), sondern mit der Sprache und der erzählerischen Gestaltung, also vorwiegend handwerklichen Gesichtspunkten. Die Idee mag sein, wie sie will, wenn es keinen Spaß macht, die Erzählung zu lesen, braucht man sie nicht zu drucken.
Bitte verwechseln Sie nicht ein "High Concept" mit einer Grundidee für eine Geschichte. Es gibt nicht wenige Romane, die eine bereits erzählte Geschichte neu erzählen (eine biblische Geschichte etwa, oder ein Shakespeare-Drama) - das ist durchaus legitim. Das können Sie auch machen, wenn Sie wollen. Es kann ein hervorragender Roman dabei herauskommen. Wir lieben es, alte Geschichten neu erzählt zu bekommen.
Ich denke, Sie sollten Ihr Manuskript einer so fachmännischen Begutachtung wie möglich aussetzen und sich keine übertriebenen Sorgen um Ideenklau machen.