Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Ich bin 14 Jahre alt. Seit einiger Zeit denke ich mir Gedichte aus. Ich würde die gerne veröffentlichen. Leider weiß ich nicht, wo ich mich hinwenden könnte.

    Das ist eine ziemlich schwierige Frage, aus mehreren Gründen. Zunächst einmal muß Dir klar sein (ich darf doch Du sagen?), daß Gedichte die älteste literarische Form ist, die es gibt: dementsprechend viele Gedichte gibt es schon. Und Gedichtetes ist unerhört dauerhaft: während man sich mit einem Roman, der älter ist als 100 Jahre, meistens verdammt schwer tut, sind Shakespeares Dramen oder Homers Verse so frisch und kraftvoll wie eh und je.

    Ferner muß Dir klar sein, daß nicht alle Gedichte gleich gut sind. Tatsächlich kann man nicht darauf hoffen, daß man anfängt, Gedichte zu schreiben, und sie sind gleich gut oder wenigstens brauchbar. Zuerst einmal sind sie schlecht - aber: man merkt es selber noch nicht. Deswegen kratzt es zuerst mal heftig am Selbstbewußtsein, wenn einem jemand sowas sagt.

    Dabei ist es ganz normal. Man stellt sich ja auch nicht auf Ski und kann gleich fahren, und es hat auch seinen Sinn, daß man vor dem Autofahren erst einen Führerschein machen muß. Man muß alles lernen. Und beim Schreiben ist es so, daß die eigenen Fähigkeiten zu schreiben und die eigenen Fähigkeiten, Gutes und Mißratenes voneinander zu unterscheiden, sich parallel zueinander entwickeln. Als ich so alt war wie Du, habe ich kleine Romane geschrieben und war sehr beeindruckt von mir selber. Ich habe diese Romane immer noch, aber ich bin HEILFROH, daß sie nicht veröffentlicht sind. Denn heute sehe ich, daß sie unzumutbar sind. Anfängerstücke, aber nicht gut genug, um veröffentlicht zu werden. Nicht gut genug, daß dafür Bäume sterben sollten, um es mal so zu sagen.

    Wichtig ist aber, daß man einmal angefangen hat. Immerhin hast Du Dir etwas ausgedacht, etwas ganz Eigenes, und das ist schon mal der erste Schritt. Aber man muß das nicht gleich der Öffentlichkeit zum Fraß vorwerfen. Laß dir Zeit.

    Es gibt da nämlich speziell bei Lyrik ein eigenartiges Phänomen: sehr, sehr viele Leute schreiben Gedichte und suchen wie wild nach Möglichkeiten, diese zu veröffentlichen. Auf der anderen Seite wissen Verlage, daß sich Gedichtbände nicht verkaufen. Allenfalls ein Band von Sarah Kirsch hat Chancen, mehr als ein paar hundert Exemplare zu verkaufen. Das ist sehr seltsam, wenn man es sich genau überlegt, oder? Tatsächlich sind die Zahlenverhältnisse derart, daß man mit Fug und Recht sagen kann: würden alle, die Gedichte schreiben, auch Gedichte LESEN, wären Gedichtbände Bestseller! Da das nicht so ist, lautet der Umkehrschluß: es gibt mehr Gedichteschreiber als Gedichteleser, mit anderen Worten, die meisten schreiben nur, lesen aber selber gar keine Gedichte. Und das ist, tut mir leid, unredlich. Das ist kein wirkliches Interesse an Gedichten, sondern: man will sich nur bestätigen. Und schreibt Gedichte, weil die so schön kurz sind, das heißt, sie sind im Nu fertig, und es sieht so schön einfach aus.

    Ich denke, wem es ernst ist mit Gedichten, der muß auch welche lesen. Genau wie ein Autor von Krimis auch selber Krimis liest (und ein Autor von Kochbüchern auch selber kochen sollte), muß ein Dichter die Gedichte anderer kennen. Manche sogar auswendig hersagen können. Von Goethe bis Heine und zurück, und auch von Rühmkorff und Kirsch und wie die heute lebenden Poeten alle heißen.

    Der Münchner Verleger Michael Krüger hat stets einen Gedichtband auf seinem Nachttisch liegen, und er empfiehlt jedem, damit so zu verfahren wie er es tut: nämlich nach dem Aufwachen als erstes ein Gedicht zu lesen - eines nur - um es sozusagen mit in den Tag hineinzunehmen, es vielleicht im Badezimmer zu rezitieren oder beim Straßenbahnfahren darüber nachzusinnen. Ich glaube, jemand, dem es ernst ist mit Gedichten, der muß mindestens dassselbe tun.

    Und wem es NICHT ernst ist mit Gedichten, der sollte auch keine veröffentlichen.

    Was passieren kann, ist, daß Du merkst, daß Dir Gedichte doch nicht so wichtig sind. Das macht auch nichts. Man muß viel ausprobieren, um das zu finden, was zu einem gehört. Aber für alle Fälle möchte ich noch einen Gedanken anfügen: Es gibt, was Gedichte anbelangt, ein Gebiet, auf dem sie auch heutzutage enorm populär sind. Millionenfach um die Welt gehen. Nämlich in Form von Liedern. Ein Lied ist, könnte man sagen, ein singbares Gedicht. Ein Gedicht mit Melodie. Womöglich könnte das auch ein Gebiet sein, auf dem Du Dich umsehen kannst - nach Vorbildern, aber auch nach Betätigungsmöglichkeiten.


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