"Books get never finished, only abandoned" sagen die Amerikaner. Damit muß man leben. Es gibt nämlich diesen Punkt, an dem man sein Buch so gut gemacht hat, wie man es zu der Zeit und auf dem Entwicklungsstand eben kann, und dann darf man nicht weiter daran herumbosseln (damit macht man es nämlich wieder schlechter), sondern muß es "auf den Markt werfen".
Man darf auch nicht den Anspruch an sich stellen, etwas Vollkommenes abzuliefern. (Die beste Persiflage auf diese Art des Perfektionismus ist die Figur des Schriftstellers in Camus' "Die Pest", der sein Leben lang am ersten Satz seines geplanten Meisterwerks feilt, ihn immer und immer wieder umformuliert, ohne je zum zweiten Satz zu gelangen.) Es reicht vollkommen, wenn ein Buch "verdammt gut" ist - dann ist es nämlich schon eine erfreuliche Abwechslung in einer Flut von Publikationen, die zwischen "schlecht" und "nicht schlecht" anzusiedeln sind.
Wenn Sie also das Gefühl haben, daß Sie Ihren Perfektionismus im Zaum halten können, dann hier noch eine Überlegung und einen Tip. Die Überlegung: zu entscheiden, wann etwas gut genug ist, ist genau genommen DIE ursprünglichste, originäre Aufgabe des Autors. Einen Text auf die verschiedensten Weisen zu formulieren kann jeder, aber dann zu sagen: SO soll es sein und nicht anders - das ist die eigentliche schöpferische Tat, in der sich die Individualität eines Autors ausdrückt. Infolgedessen ringt man sein Leben lang mit dieser Frage, und ich glaube, in dem Moment, in dem man sich sicher fühlte, es "im Griff" zu haben, wäre es einem entglitten.
Aber wie gesagt: man muß sich zugestehen, daß man sich sein Leben lang weiterentwickelt.