Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
Nächste Frage>>

Übersicht
Gesamtübersicht


Home
News
Bücherbord
Pinwand
Schublade
Kalender
Tagebuch
Privates Mail

Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Meine Tochter (14 Jahre) schreibt für sich Kurzgeschichten. Ich habe ihr der Vorschlag gemacht, sie solle sich an einen Verlag wenden. Gibt es Verlage die von Jugendlichen Kurzgeschichten annehmen und auch Rückantwort hinsichtlich der Güte geben?

    Ich habe Ihr Mail nicht ohne Wehmut gelesen. Mein Vater war nämlich, als ich mit 12, 13 Jahren meine ersten kurzen Romänchen schrieb, auch ungeheuer stolz auf seinen Sohn und hätte mir, wenn er gekonnt hätte, auch umgehend einen Verlagsvertrag besorgt usw. Ich besitze meine Werke von damals natürlich noch, und wenn ich sie heute anschaue, bin ich in mehrfacher Hinsicht froh: erstens, daß sie NICHT veröffentlicht wurden - und zweitens, DASS ich damals schon angefangen habe zu schreiben. Heute lebe ich im Grunde davon, daß ich eine so lange Übungszeit im Schreiben hinter mir habe - und zwar, was die Anfänge anbelangt, in völliger Ungestörtheit!

    Ich bin überzeugt, daß Sie das Beste für Ihre Tochter wollen - welcher Vater wollte das nicht -, aber genauso überzeugt bin ich davon, daß Sie ihr und ihrer Liebe zum Schreiben wahrscheinlich nichts Schlimmeres antun könnten, als sie so früh hinauszustoßen in die Öffentlichkeit und in die harte Welt des Verlagswesens.

    Denn sehen Sie, grundsätzlich spielt es im Verlagswesen keine Rolle, ob der Autor eines Buches 14 oder 114 oder irgendetwas dazwischen ist - was zählt, ist einzig und allein der Text auf dem Papier. Alles, was den Autor irgendwie heraushebt, ist jedoch interessant für die Marketingabteilung - und eine so junge Autorin wäre natürlich etwas Besonders. Insofern kann ich mir nicht vorstellen, daß irgendein Verlag ein Manuskript ablehnen würde mit dem Argument "Autor ist zu jung". Wenn etwas gut ist, ist es gut, Punkt. Allerdings ist es ein langer Weg, bis man so weit ist, gut zu schreiben. (Sie werden mir zustimmen, daß man als Vater da nicht objektiv sein KANN. Wäre auch schlimm!) Und dieser Weg braucht vor allem am Anfang Schutz, die Möglichkeit zu geradezu mutterleibshafter Versunkenheit und immer wieder Ermutigung.

    Für mich war es damals eine Ermutigung, daß mein Vater das, was ich schrieb, GERN gelesen hat. (Daß ich es immer vorzeigen mußte, wenn Besuch kam, war eher gräßlich.) Es ermutigte mich, es auch an Schulfreunde zu geben, die es auch ganz gerne lasen. Einige fühlten sich angespornt, es mir gleichzutun, so daß sich für mehrere Jahre ein beflügelnder, kreativer Wettstreit ergab - meine wahrscheinlich wertvollste Lehrzeit überhaupt! In all der Zeit kam ich überhaupt nicht auf die Idee, mich an einen Verlag zu wenden. Das kam erst später, und es kam von selbst - da hat schon jeder seinen eigenen "eingebauten" Fahrplan.

    Wenn ich heute zurückblicke, dann wünsche ich mir wenig anders als es war. Eingehendere, unduldsamere Kritik hätte mir ab einem bestimmten Zeitpunkt gut getan - nach einigen Jahren des Schreibens, als ich eine gewisse Sicherheit gewonnen hatte in Bezug darauf, was ich konnte und was noch nicht. Was ich dringend gebraucht hätte, wäre der Hinweis gewesen, daß es nichts bringt, ein Dutzend Romane anzufangen und unfertig liegen zu lassen; daß einen nur abgeschlossene Sachen weiterbringen, selbst wenn sie schlecht sind. Und vielleicht wäre es ganz gut gewesen, zu besserer Lektüre ermuntert zu werden; vielleicht verbunden mit dem Hinweis, daß man auch das richtige LESEN lernen muß und daß "verschlingen" nicht die einzige Art ist, mit Büchern umzugehen. (Wobei ich nicht weiß, ob ich für diesen Hinweis ansprechbar gewesen wäre :-D)

    Was würde ich Ihrer Tochter raten wollen? Es nützt wenig, etwas über die Güte der eigenen Texte GESAGT zu bekommen, man muß lernen, es selber zu sehen. Das ist ein Lernprozeß: Anfangs hält man alles, was man schreibt, für toll. Dann hält man alles, was man schreibt, für schrecklich. Und dann erst fängt man an, Unterschiede zu erkennen: ein Absatz, der einem gelungen ist, ein Dialog, der noch hölzern klingt usw.

    LAUT VORLESEN ist einer der besten Lehrer - entweder anderen, oder sich selbst. Hinhorchen, wo der Lesefluß stockt, wo er holpert. Beim lauten Lesen "schmeckt" man die Worte besser, kann die Sätze besser fühlen. Ich mache es heute noch, und ich lerne immer noch dazu dabei.

    Gleichgesinnte suchen! An vielen Volkshochschulen gibt es Schreibkurse, und warum sollte man da nicht schon mit 14 mal hingehen? Im Internet gibt es Zirkel, in denen man sich über selbst geschriebene Texte austauschen kann, und da braucht niemand zu wissen, wie alt man ist.

    An Wettbewerben teilnehmen! Einen Literaturwettbewerb zu gewinnen, DAS ist eine Bestätigung, die etwas zählt. Auf www.uschtrin.de, bei www.autorenforum.de und an vielen anderen Stellen gibt es Übersichten, wo welche Wettbewerbe ausgeschrieben sind.

    Und vor allem anderen den Spaß an der Sache nicht verlieren. Alles andere fügt sich.


    www.AndreasEschbach.com
    Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung.