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ü b e r d a s S c h r e i b e n
Vor einigen Jahren hatte ich eine grandiose Idee. Oder besser gesagt war es gar keine Idee, sondern ich schrieb wie in Trance, die ersten 20 Seiten flossen mir nur so aus den Fingern. Es war, als würde jemand in mein Ohr flüstern und mir die Story diktieren. Ich kann mich nicht erinnern, über das nachgedacht zu haben, was ich eigentlich schreibe. Sie werden wissen was jetzt kommt: richtig! Jetzt schreiben wir 2003 und ich bin immer noch nicht weiter. Mittlerweile ist die Story von 20 auf 30 Seiten angewachsen, aber es "fliest" nicht mehr so richtig und es wäre eine richtige Anstrengung, weiter daran zu schreiben. Das Problem ist nur: in meinem Kopf ist die Geschichte bereits fertig. Die ganze Handlung, die verschiedenen Szenen, Dialoge...alles schon da. Nur bringe ich es nicht fertig, dies auch niederzuschreiben. Denn das wäre Arbeit und kein Vergnügen mehr. Was würden Sie mir in dieser Situation raten?
Was bringt Sie auf die Idee, das Schreiben eines Romans sei keine Arbeit, sondern nur Vergnügen? Dem ist nicht so, und wenn Sie darauf warten, daß es so wird, dann werden Sie Ihren Roman nie schreiben. Man kann allenfalls so weit kommen, daß die Abgrenzungen zwischen Arbeit und Vergnügen beim Schreiben schwinden, aber bis dahin ist es ein steiniger Weg und viel Arbeit.
Immerhin: Sie hatten die Erfahrung, daß einem manche Passagen wie von selbst in die Tasten fließen. Manche haben nicht einmal das. Bei Ihnen war es der Anfang; das ist verhängnisvoll, weil es Sie zu der Vorstellung verführt, es müsse immer so sein. Aber das war nur der Honeymoon, jetzt kommt der Alltag, und der hat eben nicht nur Höhen, sondern auch Tiefen.
Und was ich Ihnen raten würde? Das können Sie sich sicher denken: Schreiben Sie ihn fertig! Wenn Sie sich dazu anstrengen müssen, dann strengen Sie sich an. Wenn Sie sich dazu zwingen müssen, zwingen Sie sich. Und wenn Sie sich dazu quälen müssen, dann quälen Sie sich. Machen Sie notfalls Deals mit Familienmitgliedern ("wenn ich nicht mindestens 5 Seiten pro Woche schreibe, mache ich freiwillig den Abwasch in der Woche darauf" oder sowas), nehmen Sie sich einen machbaren Zeitplan vor (maximal 1 Seite pro Tag), aber schreiben Sie das verdammte Ding, bis Sie "Ende" darunterschreiben können.
Übrigens glaube ich nicht, daß es so eine Schinderei wird, wenn Sie schon alles im Kopf haben.
www.AndreasEschbach.com
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