Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Ich bin 15 und sozusagen, eine Kollegin. *lächel* Seit ungefähr vier oder fünf Jahren schreibe ich. Zwei Romane habe ich abgeschlossen, aber seitdem kein einziges Buch mehr. Hunderte Manuskripte habe ich schon angefangen, bin bis zur Hälfte gekommen und habe dann wieder an etwas anderem gearbeitet oder den Entwurf einfach gelöscht. Obwohl ich genau weiss, dass mir das Schreiben im Blut liegt und ich nichts lieber tun würde als tagein, tagaus zu texten, habe ich keine Durchhaltevermögen. Ich weiss nicht wie ich es fertigbringen soll, endlich etwas zu beenden. Es ist als würde ich nach der perfekten Idee für ein Manuskript suchen und mich mit jedem Versuch mehr davon entfernen. Haben sie vielleicht einen Rat für mich? Wie schaffen sie es, ein Buch zu beenden ohne mittendrin aufzugeben?

    Ich weiß genau, wie Dir zumute ist, denn als ich so alt war wie Du ging es mir ganz ähnlich. Zuerst habe ich meine Geschichten ganz unbefangen hingeschrieben, wie sie mir in den Sinn kamen. Doch irgendwann packte mich der Ehrgeiz, etwas WIRKLICH GUTES zu schreiben, etwas, das SO GUT sein sollte, daß ein Verlag es VERÖFFENTLICHEN würde.

    Und Peng! Auf einmal brachte ich keinen Roman mehr zu Ende. Erst gab ich auf Seite 67 auf, um einen neuen anzufangen; den brachte ich nur bis Seite 32, und beim nächsten kapitulierte ich schon auf Seite 6. Es war zum Verzweifeln!

    Mir ging es so, daß ich dann viele Jahre nichts oder nicht viel geschrieben habe. Das ist aber keine Lösung; genau genommen habe ich nur Zeit verschwendet auf diese Weise.

    Was also tun? Im Grunde gibst Du Dir die Antwort schon selber:

    Es ist als würde ich nach der perfekten Idee für ein Manuskript suchen und mich mit jedem Versuch mehr davon entfernen.

    Genau. Das ist es. Das "perfekte Manuskript". Das ist der Haken im Hirn. Das große Geheimnis ist nämlich, daß es sowas nicht gibt. Kein Manuskript ist jemals perfekt. Du würdest staunen, wie meine Manuskripte vom Lektor zurückkommen! Ich könnte die Seiten über dem Waschbecken ausdrücken, wahrscheinlich würde rote Tinte heraustropfen. Natürlich denke ich jedesmal, wenn ich ein Manuskript abschicke, "diesmal ist es aber praktisch vollkommen" - und jedesmal irre ich mich. Das Schlimmste ist: Ich merke es selber, wenn ich die Anmerkungen des Lektors lese - meistens hat er recht! Also überarbeite ich alles noch einmal, und dann vielleicht noch einmal. Und wenn das Buch gedruckt vor mir liegt, würde ich am liebsten auch noch jede Menge Sätze umschreiben... Aber das geht dann eben nicht mehr.

    Und ich weiß von anderen Autoren, daß es ihnen nicht anders geht.

    Man muß kein perfektes Manuskript herstellen - es reicht, wenn es so gut ist, wie man es eben hinbekommt. Wenn man die Sache leicht nimmt und einfach irgendwas reinhackt, das ist natürlich nicht in Ordnung, aber so macht es ohnehin keinen Spaß. Nein, man muß schon alles geben, feilen und überlegen und sich die Sätze auf der Zunge zergehen lassen, bis man zufrieden ist mit jeder Seite. Wenn man das macht, wird jedes Buch ein kleines bißchen besser als die Bücher davor, und eines Tages wird eines gut genug sein, um einen Verlag und Leser zu finden.

    ABER - dazu MUSS man die Bücher fertigschreiben! Unvollendete Romane zählen nicht. Romane, die man anfängt, aber nicht beendet, sind Zeitverschwendung. Romane, die man vollendet, die aber schlecht geraten sind, sind gelungene Trainingseinheiten und bringen Dich weiter.

    Womit wir beim Problem sind: WIE MACHT MAN DAS - das Buch beenden?

    Nun, ein Buch fertigzuschreiben hast Du schon zweimal geschafft, wie ich lese. Also KANNST Du es. Du setzt Dich momentan nur unnötig unter Druck, es auf Anhieb VOLLKOMMEN zu machen - etwas, was noch nie jemand geschafft hat. Du hast also die Wahl: Entweder weiter etwas Unmögliches versuchen - was Dich nicht weiterbringen wird -, oder Dich damit abzufinden, so gut zu sein, wie Du eben gerade bist - und dadurch auf lange Sicht allmählich BESSER zu werden. (Tipp: Ich würde die zweite Möglichkeit wählen.)

    Wie schaffe ich es, ein Buch zu beenden? Heute kann ich es kaum glauben, aber das war tatsächlich mal ein Riesenproblem für mich. Als ich mich nach zehn Jahren Pause das erste Mal wieder an einen Roman machte, war mein einziges großes Bangen: Werde ich es bis zum Ende schaffen?

    Ich habe einen Trick angewandt. Wenn Du mal meinen ersten veröffentlichten Roman "Die Haarteppichknüpfer" in die Hand bekommen solltest, kannst Du Dir den Trick ansehen: Er besteht aus lauter einzelnen kurzen Geschichten, die sich insgesamt als Roman lesen lassen. Ich sagte mir: "Ich schreibe einfach eine Kurzgeschichte, das kann ich, das weiß ich. Und dann schreibe ich noch eine. Und noch eine. Auf diese Weise stellt sich die Frage nach dem Ende gar nicht. Ich schreibe einfach eine Reihe von Kurzgeschichten, die alle miteinander zusammenhängen."

    Das hat funktioniert. Und dabei habe ich bemerkt, daß der Trick gar nicht nötig gewesen wäre. Ich hätte genauso gut auch einfach jedes Kapitel eines normalen Romans als Geschichte für sich betrachten können - ja, im Grunde ist es das, was ich heute mache: Ich habe nie den ganzen Roman im Kopf, sondern konzentriere mich immer nur auf das Kapitel, an dem ich gerade bin.

    Praktisch sieht das so aus, daß ich einerseits eine Liste der Kapitel habe, mit Stichworten, was darin passieren soll. Und daneben habe ich einen Kalender, in dem jedes Kapitel seinen Platz hat. Sagen wir, ich plane einen Roman mit dreißig Kapiteln, und ich will die erste Fassung fertig haben bis in vier Monaten. Das sind 120 Tage, also habe ich für jedes Kapitel 4 Tage Zeit. In irgendeiner Woche habe ich dann z.B. Kapitel 17 vor mir und will es fertig haben bis Freitag. Dann konzentriere ich mich nur darauf: Kapitel 17 bis Freitag. Alles andere ist Nebensache. Und wenn es fertig ist, kommt das nächste. Kapitel 18 bis Dienstag - aber daran denke ich jetzt nicht. Dazu steht es im Kalender: Damit ich nicht daran denken muß. (Manchmal verschieben sich die Einträge natürlich; wenn ein Kapitel zu schreiben mal schneller oder langsamer geht. Am Ende sieht der Kalender deswegen fürchterlich verkritzelt aus.)

    Und, Du bemerkst: Ich sage "erste Fassung". Nicht "vollkommenes Manuskript". Das erste Ziel ist, einfach mal alles geschrieben zu haben. Diejenige Seite in mir, die herumkritisiert, darf so lange Urlaub machen und Kräfte tanken, denn dann, wenn mal alles ausgedruckt daliegt, dann muß sie ran und jeden einzelnen Satz noch mal genau unter die Lupe nehmen. Aber, wie gesagt, später. Jetzt gibt es nur Kapitel 17, erste Fassung.

    So mache ich das. Und ich wette, Du schaffst das auch!


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