Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Sie haben mir geraten, ein Werk von 400 Seiten Länge zu schaffen, das ich jemandem vorlegen kann. Aber ich fühle mich nicht dazu in der Lage, das durchzuhalten. Ich habe schon öfters versucht, einen Roman zu schreiben; habe ein Stufendiagramm geschrieben, bis es meinen Ansprüchen genügte, die Figuren ausgearbeitet, und als ich dann anfing zu schreiben, verlor ich nach zwei, drei Tagen die Lust und die Motivation. Es war nicht einmal schlecht, was ich geschrieben hatte, aber ich kam zu dem Schluß, dass es besser wäre, eine veröffentlichte Kurzgeschichte, oder auch zwei oder drei oder vier, zu haben, zur Selbstbestätigung. Dann kann ich sagen: "Jawohl, ich habe das geschafft - jetzt schaffe ich auch einen Roman." Auch, weil mein Umfeld dann (hoffentlich) akzeptiert, was ich da mache. Können Sie das nachvollziehen?

    Ja, kann ich nachvollziehen. Und das ist tatsächlich richtig: das Wichtigste, was man braucht, um einen Roman zu Ende zu bringen, ist die Zuversicht, daß man es schaffen wird, daß es nur eine Frage der Zeit ist. Was immer einem dabei hilft, her damit!

    Ein anderer Kniff, den Sie versuchen können, ist folgender: Stöbern Sie mal in den schlechten Büchern. Versuchen Sie, einen Roman zu finden, von dem Sie mit ehrlicher Überzeugung sagen können, "ich kann etwas schreiben, das besser ist als DAS DA". Stellen Sie sich diesen Roman an prominente Stelle neben den Computer, schauen Sie ihn sich jeden Tag an und sagen Sie sich: dieses Machwerk ist veröffentlicht worden. Also wird das, was ich schreibe, eines Tages erst recht veröffentlicht werden.

    (Die Frage, "bin ich ein guter Schriftsteller?", ist schwer zu beantworten, eigentlich gar nicht. Aber die Frage, "ist das ein gutes Buch?", die kann man beantworten. Und genau genommen, ist es wurschtegal, ob man ein guter Schriftsteller ist - das einzige was zählt ist, ob man gute Bücher schreibt. Einverstanden?)

    Versuchen Sie es aber trotzdem mal andersherum anzugehen. Sie planen viel, um bereit zu werden fürs Schreiben. Versuchen Sie stattdessen zu schreiben, bis Sie bereit sind fürs Planen. - Was ich damit meine, ist: wenn man einfach drauflosschreibt, ohne sich groß zu überlegen, wohin man will, gerät man irgendwann ins Stocken. Man stellt fest, daß man nicht weiß, wie es weitergehen soll, oder daß man sich in Widersprüche verheddert hat usw. Dann ist immer noch Zeit, sich hinzusetzen und das alles auszuklamüsern: immerhin ist man schon unterwegs. Es ist wie beim Wandern: statt vorher zu planen und zu planen, bis das gute Wetter vorüber ist, und niemals loszulaufen, lieber losgehen und unterwegs die Karte studieren.

    Klar, das ist unter Umständen nicht sehr ökonomisch. Aber wenn Sie dabeibleiben, dann werden Sie das in 10 Jahren nicht mehr so machen. Aber im Moment geht es vor allem darum, daß Sie die Worte -ENDE- unter ein mehrhundertseitiges Werk schaffen. Wenn Sie das das erste Mal geschafft haben, glauben Sie mir, ab dann ist alles anders.


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