Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Ich hoffe auf einen Tipp Ihrerseits, wie ich meine kreativen Tintenfischarme in den "Griff bekomme".

    Psychologisch gesprochen ist das Hüpfen von angefangener Sache zu angefangener Sache eine Vermeidungsstrategie. Man merkt unterschwellig, daß das, was man zustandebringt, nicht so gut wird, wie man es gerne hätte, und wenn dann eine neue, andere Idee daherkommt, frisch und vielversprechend und noch nicht von dem Makel ungenügender Umsetzung befleckt, dann ist man nur allzu leicht bereit, das Mißlungene im Stich zu lassen und es mit der neuen Idee zu probieren. Vielleicht bringt's die ja.

    Aber sie bringt es natürlich nicht, vielmehr mißlingt es einem wieder. Die Kunst des Schriftstellers ist es ja eben, daß er imstande ist, eine Idee angemessen umzusetzen. Und das muß man lernen. Und man lernt es nicht, indem man immer wieder frisch anfängt. Man lernt es nur, indem man eine Sache zu Ende führt, und sie sich danach ernsthaft anschaut in dem Bemühen, was man besser hätte machen können.

    Ich will mal ein Beispiel konstruieren. Nehmen wir an, jemand sei relativ untrainiert, hat sich aber in den Kopf gesetzt, zu wandern. Ihm kommt in den Sinn, nach A-Dorf zu wandern. Frohgemut macht er sich auf den Weg, wird aber bald müde. Nun ist ihm nicht klar, daß er einfach ungeübt ist, vielmehr kommt er auf die Idee, sich zu sagen: "Ah, das mit A-Dorf war keine gute Idee, ich sollte vielleicht lieber nach B-Stadt wandern." Er fährt mit dem Bus zurück und bricht am nächsten Tag auf nach B-Stadt - wird aber natürlich wieder genauso rasch erschöpft sein, weil er sich ja nie die Chance gibt, ein wenig über seine Grenzen zu gehen, so daß ein Trainingseffekt entstehen würde!

    Es führt kein Weg daran vorbei, sich den ganzen furchtbaren Dämonen zu stellen - dem "ich-glaub-ich-kann-überhaupt-nicht-schreiben"-Dämon, dem "ich-schreibe-einen-Mist-zusammen"-Dämon, und dann noch den Dämonen der Geschichte selber: kann man eine Geschichte über eine tragische Liebe schreiben, ohne sich der schmerzhaften Erinnerung an die eigenen tragischen Lieben auszusetzen? Nein. Da muß man immer noch mal durch.

    Und was macht man nun mit den ganzen guten, frischen, verlockenden Ideen, die einen umschwirren, solange man an dem aktuellen Projekt arbeitet? Nun, man fängt sie ein und steckt sie erst mal in das große bunte Ideennotizbuch. In dem man später, wenn das aktuelle Manuskript fertig ist, wieder blättert, bis einen eine Idee daraus anspringt, aus der man das nächste Buch macht. Denn: Ideen müssen erst mal reifen. Abliegen. Gären. Substanz ansetzen. Wenn einem um 8 Uhr morgens eine Idee in den Sinn kommt, kann man sich nicht um 9 Uhr schon hinsetzen und einen tollen Text daraus machen. Man muß mit der Idee erst eine Weile schwanger gehen. Meine Romanideen sind alle mindestens 5 Jahre alt, ehe ich mich daran mache, wirklich einen Roman daraus zu machen. Selbst für Kurzgeschichten brauche ich ein paar Wochen Reifezeit.

    In dieser Reifezeit entpuppen sich viele Ideen auch als Quatsch, anbei bemerkt. Die Zeit bringt es an den Tag. Und es wäre doch Blödsinn, sich dann allzuviel damit abgegeben zu haben, oder?


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