Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Ich habe eine praktische handwerkliche Frage: nachdem ich das fertige Manuskript eingereicht hatte, hat mir die Lektorin auf jede Seite mindestens drei mal ein rotes P gemalt - damit meinte sie "Perspektive". Sie kritisierte, dass in einer Szene mehrfach die Perspektive gewechselt wurde und der Erzähler in verschiedene Köpfe hineingucken konnte.
Zum Beispiel: X hatte Angst, Y könnte jeden Moment eine Waffe ziehen. (...) Y war nervöser, als man es ihm ansehen konnte.
Dies sei nicht möglich, in einer Szene dürfe der Leser nur die Gedanken einer Hauptfigur kennen. Sie kritisierte immer wieder den allwissenden Erzählstil. Aber ich frage mich bis heute: Was ist so verboten einem allwissenden Erzähler? Und seitdem ich daraufhin andere (Kriminal-) Romane aufmerksam lese, stelle ich fest, dass viele Autoren innerhalb einer Szene in mehrere Köpfe hineinschauen. Und als Leser hat mich das noch nie gestört. Ist das eine Marotte einer Lektorin, der ich machtlos ausgeliefert bin?

    Ich würde es nicht als Marotte sehen; ich pflichte Ihrer Lektorin nämlich zufällig bei. Und daß andere Autoren schlecht schreiben, sollte man nicht als Ausrede nehmen, es selber auch zu tun.

    Natürlich "darf" man eine Geschichte in allwissender Perspektive schildern. Man darf ja alles beim Schreiben. Die Frage ist, wie es wirkt. Und der allwissende Erzähler ist nun mal ein altbackenes Modell, seit mindestens hundert Jahren aus der Mode, und das aus gutem Grund. Genau wie der Schwarzweiß-Stummfilm ein alter Zopf ist und Farb-Cineplex-Breitwand-Sensorround state of the art.

    Warum ist es besser, eine Szene aus der Perspektive einer einzigen Figur zu schildern? Aus dem einfachen Grund, daß es das einem ermöglicht, dichter an die Figur heranzugehen, uns ihre Gedanken und Gefühle miterleben zu lassen und es uns so zu ermöglichen, uns mit ihr zu IDENTIFIZIEREN. Und das ist es, was man will beim Lesen. Man will MITERLEBEN. Man will mitfiebern. Um eine Figur bangen. Denn dann ist es spannend, und unspannende Bücher gibt es wahrlich genug.

    Ich bitte zu beachten, daß Sie, wenn Sie schreiben, "Kowalski hatte Angst, Burgmüller könnte eine Waffe ziehen", wir nicht wirklich Kowalskis Gefühlen miterleben. Sie berichten uns nur, daß Kowalski Angst hat. Na schön, denken wir. Kommt vor. Schulterzuck.

    Wie anders, wenn Sie uns teilhaben lassen! "Kowalski fühlte einen dicken, dicken Kloß im Hals. Sein Blick wanderte immer wieder zu Burgmüllers Tasche, konnte sich kaum davon lösen. Bloß nicht hinschauen. Nur sich nicht anmerken lassen, daß er wußte, daß Burgmüller eine Pistole darin hatte. Kalten Stahl, der kalte Körper machen konnte. Wenn Burgmüller ahnte, was los war, würde er diesen kalten Stahl ziehen und keine Gnade mehr kennen."

    Vielleicht nicht genial, aber besser, oder?


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