Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Was ist gegen die "allwissende Erzählperspektive" eigentlich einzuwenden? Der Autor, der mir da als Gegenbeispiel vorschwebt, nämlich Friedrich Ani, hat soeben den Deutschen Krimipreis gewonnen, wird in einem Atemzug mit Henning Mankell genannt, und eine Schweizer Zeitung hat das von mir gelesene Buch als einzigen deutschsprachigen Titel in die Liste der zehn besten Krimis des Jahrzehnts aufgenommen. Also so schlecht kann dieser Autor nicht sein.

    Also, grundsätzlich gilt natürlich, daß ein Autor ALLES machen darf, Hauptsache, er schreibt ein gutes Buch. Diese ganzen "Regeln" gibt es nur deshalb, weil man versucht, herauszufinden, wie in Dreiteufelsnamen man das eigentlich MACHT. Also: das gute Buch war zuerst da, dann erst kamen die Regeln. Die Regeln sind der Versuch, die handwerkliche Seite in den Griff zu kriegen. Sowas wie "Welcher Pinsel für welche Art Striche taugt" und "Wie man einen Pinsel richtig auswäscht" und "Wie man Ölfarbe verdünnt" für Maler. Und dann kommt da ein Vincent van Gogh, drückt die Ölfarbe direkt auf die Leinwand und verreibt sie mit einem Holzspatel. Und - wow! Die schöpferische Seite, die, die das Neuland betritt, läßt sich nicht mit Regeln erfassen, weil Regeln sich logischerweise nur aus Bekanntem, also Altem, ableiten lassen. Sie dürfen sich über jede Regel hinwegsetzen, wenn Sie einen guten Grund dazu haben. Und der gute Grund muß immer heißen "wenn ich es so mache, wird es besser". Die meisten tun das aber nicht, weil sie einen guten Grund haben, sondern weil sie keine Ahnung haben, daß es solche Regeln gibt oder wenn, dann weil sie sie nicht wirklich verstanden haben. Und besser wird es dann natürlich auch nicht.

    Überlegen Sie sich, was Sie erreichen wollen. Ein allwissender Erzähler, der alle zwei Absätze in einen anderen Kopf guckt, ist meistens einfach STERBENSLANGWEILIG!!! Und das ist ein Manko dieser Erzählweise, das Sie dann mühsam auf andere Weise ausbügeln müssen, daß es noch gut wird.

    Ich weiß, wovon ich rede. In meinem ersten Roman "Die Haarteppichknüpfer" habe ich noch viel fundamentalere Regeln verletzt. Es gibt darin keinen Helden, keine Hauptfigur. Es gibt nicht einmal eine durchgehende Handlung. Und so weiter; wenn es nicht Regeln wären, sondern Gesetze, säße ich immer noch im Gefängnis. Es war eine Heidenarbeit, das Ding trotzdem lesbar hinzukriegen, und dabei habe ich erst so richtig begriffen, wozu es diese Regeln gibt. In diesem Fall scheint es einigermaßen geklappt zu haben, und vielleicht ist es ein Teil des Effekts, den dieser Roman hat, DASS er eben mit Regeln bricht. Trotzdem ist das etwas, wo man sagen muß: Don't try this at home. Oder: Use at own risk.


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