Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Warum ist eigentlich das Präsens so ungewollt?

    Keine Ahnung, ich weiß nur, daß ich Bücher im Präsens meist nach der zweiten Zeile wieder zuklappe. Allenfalls ein Meister des Wortes (z.B. Iain Banks) kann mich zu anderen Reaktionen verführen.

    Ich nehme an, es ist eine kulturelle Prägung. In allen Medien entwickeln wir bestimmte Rezeptionserwartungen - z.B. was die Schnittfolge in Filmen anbelangt, die Längen von Songtiteln, daß Gemälde immer viereckig sind, bestimmte Schrifttypen, Seitenformate usw. Genau wie uns ein Roman von nur 50 Seiten abschrecken würde oder ein Roman von 3.000 Seiten, so schreckt uns ein Roman im Präsens ab: Zu ungewohnt.

    Natürlich kann man gegen die Gewohnheiten anschreiben. Man könnte einen Roman in der Du-Form schreiben und im Futur, warum nicht? Man könnte Popmusik ohne Schlagzeug machen, Kinofilme in Rot-Weiß drehen, Zeitungen im Postkartenformat herausgeben.

    Aber wenn man das tut, muß einem klar sein, daß der Bruch mit den formalen Konventionen den Inhalt dessen, was man tut, überlagern wird in der Wahrnehmung. Die Entscheidung bezüglich des Präsens ist also die: Will ich gegen Konventionen angehen oder will ich dem Leser ein Leseerlebnis verschaffen? Ein Leseerlebnis heißt, er soll vergessen, daß er liest, und ganz eintauchen können. Und das kann er eher, wenn die Form ihm nicht entgegenarbeitet, das Buch also nicht 5x40 cm mißt und in vierfarbiger Dekoschrift gedruckt ist, die alle Absätze wechselt usw. - sondern wenn es einfach nur ein gewöhnlich aussehendes Buch ist. In gewöhnlicher Vergangenheitsform.


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