Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Ich (männlich, 20 Jahre jung) persönlich halte mich für recht schreibgewandt und talentiert; vielleicht werde ich irgendwann mal meine Schrifststellerambitionen in die Tat umsetzen. Oft habe ich (meiner Ansicht nach, und wohl nur meiner...) geniale Ideen für Bücher, Kurzgeschichten usw., die ich mir dann auch sofort notiere, um den Gedanken festzuhalten. Mein Problem ist aber, dass ich häufig unter Schreibblockaden leide. Das heißt, ich sitze vor meinem Rechner (oder Blatt Papier) und grübele manchmal stundenlang über einen Anfang nach. Irgendwie fällt es mir hin und wieder schwer, einfach draufloszuschreiben. Und je länger mich diese weiße Leere anstarrt, umso schwerer fällt es mir. Manchmal tippe ich dann vor lauter Verzweiflung in mehrfacher Ausführung folgendes drauf los.. "Was Du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen!" ;) Ist das normal? Plagen Sie manchmal ähnliche Blockaden? Wie geht man damit um? Was hilft dagegen?

    Nun, ich weiß manchmal nicht, was ich schreiben soll, aber ich bezeichne das nicht als "Blockade". Mit diesem Begriff stellt man sich selbst ein Bein, weil man seinem Unterbewußtsein damit suggeriert, man sei hilfloses Opfer einer unbeeinflussbaren Macht - der Muse, der es eben gerade nicht gefällt, einen zu inspirieren. Wenn Sie mal genau überlegen, gibt es das in keinem anderen Bereich. Man hört wohl mal, daß jemand schlecht drauf ist, keine Lust hat zu arbeiten oder daß jemand nix Gescheites zuwege bringt - aber ich habe noch nie von einer "Konstruktionsblockade" oder einer "Programmierblockade" gehört, ganz zu schweigen von einer "Backblockade" bei Bäckern oder einer "Müllaufladeblockade" bei Müllmännern. Am besten streichen Sie diesen Begriff komplett aus Ihrem Wortschatz.

    Was es gibt, ist folgendes:

    1. Man weiß nicht, was man schreiben soll. Das liegt dann daran, daß man sich die Geschichte noch nicht in der nötigen Detailliertheit überlegt hat, und in dem Fall sollte man zuerst das machen (wie auch immer - der eine kritzelt dazu seitenweise auf Notizblöcke, der andere geht spazieren, der dritte liegt auf dem Sofa und hört Hard Rock...), ehe man weiterschreibt.

    Insbesondere das Spazierengehen wird von vielen Autoren empfohlen, u.a. von Stephen King. Und der muß es ja wissen :-)

    2. "'s lafft net", wie der Bayer sagt. Man weiß zwar, was man schreiben will und wie die Story weitergeht, aber alle zwei Sätze, die man hinschreibt, streicht man drei wieder. Wie auch immer man es formuliert, es erscheint einem schal, ungenügend, platt.

    Was da geschieht, ist, daß der Schreiber und der Lektor aneinandergeraten. Jeder Schreibende besteht nämlich eigentlich aus diesen zwei Personen. Und wenn der Schreiber an der Tastatur sitzt, der Lektor aber hinter ihm steht, ihm auf die Finger sieht und grummelt "Mach jetzt bloß keinen Fehler, Junge!", dann "laff's net". Würde es im richtigen Leben auch nicht, oder?

    Man muß lernen, den Inneren Lektor fortzuschicken. Damit der das mit sich machen läßt, muß man in ihm das Vertrauen erwecken, daß er zu einem späteren Zeitpunkt durchaus zu seinem Recht kommen wird. Erst ist der Schreiber dran - der darf wild drauflosschreiben, wie er will, alles ist okay und willkommen. Dann Pause, durchatmen (man muß für sich herausfinden, wann diese Pausen angebracht sind und wie lange sie dauern dürfen) und Übergabe an den Lektor. Der darf jetzt scharfäugig über den Text gehen und alles anstreichen, was ihm mißlungen scheint, korrigieren, wo nötig, anerkennend brummen, wo eine Passage glatt sitzt. (Manche Autoren schreiben immer vormittags, nachmittags wird der Text VOM VORTAG überarbeitet. Andere - zu denen ich gehöre - schreiben erst den GANZEN Roman und überarbeiten ihn dann. Wobei der Lektor im Vorfeld schon ab und zu gehört wird, ehe er für ein paar Monate in Urlaub geht.)

    Auch das "wilde Drauflosschreiben" kann man üben. Das ist die berühmte Übung von Nathalie Goldberg, die ich irgendwo in meinen Tipps ausführlicher beschreibe. Im Kern geht es darum, sich einen Wecker auf eine bestimmte Zeit zu stellen - zehn Minuten vielleicht - und dann so schnell wie möglich IRGENDWAS zu schreiben, was einem gerade in den Sinn kommt; Hauptsache, die Hand bleibt die ganze Zeit ununterbrochen in Bewegung. Wirkt Wunder!

    3. Manchmal ist man auch einfach müde. Dann sollte man ein Nickerchen machen - ca. fünfzehn Minuten, das wirkt oft Wunder.

    4. Und manchmal hat man uneingestanden Lust, lieber was anderes zu machen. Dann hilft meist nur, DAS zu machen.

    Ich hoffe, das hilft Ihnen weiter.


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