Science-Fiction Schriftsteller Andreas Eschbach <<Vorige Frage
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Andreas Eschbach
ü b e r   d a s   S c h r e i b e n

 

 

Kann ich in meinem Alter noch schreiben lernen?

    Das Schreibenkönnen hat sicher mit dem Alter an sich nichts zu tun - beliebte Beispiele sind hier die Bäuerin Ana Wimschneider ("Herbstmilch") oder Theodor Fontane, der seine ersten Romane mit 60 schrieb. Andererseits weiß jeder, daß man nicht alles lernen kann, was man möchte, weil für manche Dinge gewisse Voraussetzungen nötig sind. Man nennt das für gewöhnlich "Talent" und meint damit so unterschiedliche Dinge wie das Ballgefühl eines Fußballers oder die Musikalität eines Klavierspielers. Die Frage ist also vermutlich im Grunde die: "Habe ich Talent?" Der Zusammenhang mit dem Alter entsteht nämlich dadurch, daß man mit einiger Berechtigung davon ausgeht, daß sich bis zu einem gewissen Alter alle Talente, die in einem schlummern, in irgendeiner Form gezeigt haben.

    Nun sagen schlechte Noten in Deutsch über Talent allerdings rein überhaupt nichts aus. Wie der schulische Deutschunterricht überhaupt eher Gift für heranwachsende Schriftsteller ist. (Gilt übrigens auch für das Literaturstudium.)

    Zumindest wie Sie Briefe schreiben liest sich nicht so, als schriebe da jemand, der gewissermaßen "unmusikalisch mit Wörtern" ist. Also, geben Sie nicht auf. Wenn mich nicht alles täuscht, hat Jack London auch mit 29 erst angefangen zu schreiben. (Lesen Sie sein "Michael Eden", wenn Sie es in irgendeiner Bücherei auftreiben - es ist quasi seine Autobiographie und sehr interessant.) Auch daß Sie sich überhaupt ans Schreiben gemacht haben und vor allem, daß Sie merken, daß Ihnen etwas daran nicht gefällt, ist ein gutes Zeichen. (Was glauben Sie, wie sich meine ersten Romane lesen? Wie es da von Figuren wimmelt, die flacher als Blattgold sind und Dialoge absondern, gegen die "Gute Zeiten Schlechte Zeiten" geradezu wie Shakespeare klingt?)

    Goethe sagte einmal sinngemäß, daß sich Begabungen zunächst in Form von Neigungen äußern. Wenn einer das Bedürfnis hat zu schreiben, gut schreiben zu können, dann schlummert darin auch eine Begabung. Begabung heißt nicht immer, daß man etwas das erste Mal versucht und gleich kann. Die Fähigkeit, gutes und schlechtes zu erkennen, auch wenn man das Gute noch nicht zu produzieren imstande ist, ist für den Anfang wesentlich wichtiger! Denn wirklich aussichtslos ist es nur dann, wenn einer einen grottenschlechten Text schreibt, ihn aber für nobelpreisverdächtig hält (nach dem Motto "das Schnitzel mag ja verbrannt sein, aber ICH habe es zubereitet!").

    Das Wichtigste ist, daß es einem SPASS macht, zu schreiben. Wenn es einem nachher nicht gefällt - nun gut, das ist eine andere Sache, von der man sich jedenfalls nicht abhalten lassen sollte, weiterzumachen. Aber solange einem das Schreiben SPASS macht (wohlgemerkt: das Schreiben an sich), schreibt man weiter, und wenn man immer weiter schreibt, kann man es GAR NICHT VERHINDERN, immer besser zu werden!

    So. Nun zu meinen Empfehlungen, was Sie tun sollten:

    1. Man lernt schreiben nur auf eine Weise: indem man schreibt. Also schreiben Sie, geben Sie sich ein paar Jahre Zeit, und Sie werden unweigerlich besser werden. Wichtig zu wissen: dieses Besserwerden verläuft nicht kontinuierlich, sondern in Sprüngen: etwa alle hunderttausend Worte gibt es einen Quantensprung, und man schreibt plötzlich ein merkliches Stück besser. (Ein Roman hat etwa 50.000 Worte.) - Schreiben Sie also ein paar Romane, oder was immer Sie schreiben möchten. Gehen Sie nicht gleich davon aus, daß das, was Sie schreiben, gedruckt werden wird oder gar MUSS; schreiben Sie um des Spaßes am Schreiben. (Einen Roman zu veröffentlichen kostet einen Verlag etwa 50.000 DM. Schicken Sie ein Manuskript erst dann los, wenn Sie der ehrlichen Auffassung sind, daß es das wert ist.)
    2. ABER das heißt nicht, daß Sie für die Schublade schreiben sollen - im Gegenteil! Die wichtigste Empfehlung ist, sich so früh wie möglich ein Publikum zu suchen. Am besten Freunde, die gern lesen und bei denen Sie sicher sein können, daß sie Ihnen kein negatives Zeug überbraten wie "Du und schreiben? Ich lach' mich tot!" oder was der "erbaulichen" Abmunterungen mehr sind. - Es kommt darauf an, daß Sie erfahren, wo man Ihren Roman spannend fand und wo langweilig, wo man etwas nicht verstanden hat usw. Es kommt nicht darauf an, daß Ihnen Ihre "Testleser" Ratschläge geben - das ist ganz unnötig. Der wichtigste Effekt, den auch das kleinste Publikum auf einen hat, ist, daß man seine eigenen Texte ganz anders wahrnimmt dadurch, daß man weiß, daß jemand anders sie lesen wird. Und diese Art der Wahrnehmung ist es, auf die es ankommt.
    3. Schreiben lernen muß man selber. Aber es gibt etliche gute Bücher zu diesem Thema. Das mit Abstand hilfreichste Buch, das mir je begegnet ist, ist das Buch "Garantiert schreiben lernen" von Gabriele L. Rico aus dem Rowohlt Verlag. Es fiel mir erst vor 3 Jahren in die Hände, brachte aber selbst mich, der ich nun auf 25 Jahre Schreiben zurückblicken kann, noch einmal ein gutes Stück weiter.

    Die Hauptsache ist, etwas zu tun. In Bewegung zu bleiben. Zu schreiben. Schreiben ist ein einsames, langwieriges Geschäft, auch das muß man aushalten können. Und den oben beschriebenen Weg einzuschlagen schafft auf jeden Fall Klarheit - und sei es, daß Sie feststellen, daß Ihr Drang zu schreiben vielleicht doch nicht so groß ist, wie Sie dachten. Auch das kann sein, und dann muß man sich, auch wenn es schwer fällt, dieser Wahrheit stellen (mir erging es einmal so mit dem Gitarrespielen). Für diesen Fall möchte ich noch einen Ratschlag des französischen Bestsellerautors George Simenon erwähnen, der jedem jungen Autor zu sagen pflegte: "Finden Sie heraus, ob Sie das Schreiben SEIN LASSEN können. Wenn ja, dann tun Sie etwas anderes. Sie werden glücklicher werden."

    Das sollte Sie nun nicht entmutigen. Schreiben Sie drauflos, beharrlich und furchtlos, und finden Sie die Wahrheit heraus.


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