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ü b e r d a s S c h r e i b e n
Es ist gerade die Phase nach dem Geheimnis und vor der Bedrohung, die mich beschäftigt: das erste Unglück, der erste Schritt des Protagonisten in den mythischen Wald - die Gefahrenzone - das unbekannte, gefährliche Terrain, ab dem die Geschichte volle Fahrt aufnimmt. Man kann natürlich zuvor, am Anfang einer Geschichte, eine Gefahr andeuten, deren Bedrohung immer klarer wird, sich stetig steigert, bis zum ersten Höhepunkt der Story die Hauptfigur "umgehauen wird" und nun aufstehen und kämpfen muss. Mich interessierte nur, wie Sie versuchen, diese Phase bis zum "ersten" großen Unglück spannend aufzubereiten. Wenn man sie knapp hält und zügig zum Konflikt übergeht, läuft man Gefahr, oberflächliche Figuren schlecht zu motivierern und ihre Leiden erscheinen melodramatisch.
Kann es sein, daß Sie eher auf der Suche nach Formeln und Regeln sind? Ich habe so das Gefühl. Denn das, was Sie da fragen, sind alles Dinge, für die es keine generelle Antwort gibt. Es kommt auf die jeweilige Geschichte und ihre Besonderheiten an. Man muß herausfinden, was ihr entspricht.
Das ist wie bei Kindern. Jedes Kind ist anders. Natürlich gibt es da Regeln und Formeln, wie man angeblich Kinder erzieht, JEDE MENGE sogar, aber letzten Endes geht es immer darum, diesem ganz bestimmten Kind zu seiner Entfaltung zu verhelfen und dazu, seinen Weg im Leben finden zu können. Und wo das eine eine strenge Hand braucht, damit es sich nicht den Kopf einrennt, braucht das andere Ermutigung, mal etwas zu wagen. Das eine ist vernünftigen Argumenten zugänglich, das andere braucht den Kampf mit den Eltern. Und so weiter.
Bei Schriftstellern, kommt mir da, ist es womöglich genauso. Den einen muß man bremsen, muß ihm sagen, halt, nicht so wild, da kommt ja keiner mit, bedenke dies & jenes - dem anderen muß man sagen, ach, vergiß die Regeln, konzentrier' Dich auf Deine Geschichte, schreib' drauflos & laß Dich überraschen, was draus wird! Und Sie scheinen eher in die zweite Kategorie zu gehören. Haben Sie Angst, etwas falsch zu machen? Das ist okay, die Angst hat jeder, und nicht einmal der Nobelpreis wird Sie Ihnen nehmen können. Konzentrieren Sie sich stattdessen darauf, was Sie richtig machen. Und wenn Sie etwas schreiben, das einem anderen gefällt, dann haben Sie etwas richtig gemacht. Nicht alles, sicherlich, aber einiges.
Also - die wirkliche Frage beginnt nicht mit "Wie macht MAN...?", sondern sinngemäß so: "Ich habe X, der mit Y in Z ist und vor dem Problem U steht, als plötzlich ein V auftaucht usw. usf. - und wie halte ich nun den Leser in Atem, bis alle in W gelandet sind und Q losgehen kann?" Und dann vertiefen Sie sich in Ihre Figuren, versuchen, Ihre Figuren zu SEIN, wie sie zu denken, zu atmen, zu fühlen. Und dann versetzen Sie sich in die Welt Ihrer Figuren - sei das nun das fremde Land Blabbelonien oder der Alltag hinter den Kulissen eines Internetcafés -, bis Sie diese Welt riechen, schmecken, mit jeder Pore spüren, bis Sie davon träumen. Und dann fällt Ihnen auch ein, wie es weitergehen muß. Ohne alle Formeln, Regeln, Gesetze und all den Kram.
www.AndreasEschbach.com
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