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Ü b e r d a s S c h r e i b e n
Wie man recherchiert*
Wenn man heutzutage Rezensionen liest, bekommt man leicht den Eindruck, die wichtigste Fertigkeit eines Schriftstellers sei, gut recherchieren zu können. Daß ein Buch "gut recherchiert" sei, meint jeder Kritiker hervorheben zu müssen, so, als sei das ein tolles Lob - und ohne zu wissen, ob der betreffende Autor das, was er erzählt, nicht schon von Haus aus gewußt (oder einfach erfunden) hat.
Alles Unsinn. Gute Recherche ist ein Qualitätskriterium für einen Journalisten, aber nicht für einen Schriftsteller. Bei einem Roman die Recherche zu loben ist ungefähr so, als lobe man die Rechtschreibung. Beim Schreiben eines Romans ist Recherche einfach eine mehr oder weniger lästige Notwendigkeit.
- Wie recherchieren Sie?
- "Wie wurde eine Baby im Mittelalter gewickelt?" Wo bekommt man solche Informationen her? Gibt es eine Möglichkeit, gezielt nach solchen Antworten zu suchen, oder nimmt man sich ein Buch über das Mittelalter vor und beginnt darin zu stöbern, bis man durch Zufall
auf die richtige Antwort trifft?
- Mal angenommen, Ihr Plot führt Sie unerwartet in einen neuen Bereich, ein neues Fachgebiet, von dem Sie nichts verstehen. Wie machen Sie sich kundig? Was ist für Sie die beste Möglichkeit, sich Hintergrundwissen anzueignen, um für die Story glaubwürdig zu bleiben?
Fragen Sie Fachleute/Bekannte, holen Sie sich Fachbücher, Fachzeitschriften, fragen Sie in speziellen Compuserve-Foren nach?
Ich schreibe gerne und es macht mir großen Spaß, aber ich habe gehörige Angst vor Abschnitten in denen man wissenschaftliche Dinge behandeln muß. Wie recherchieren Sie komplexe wissenschaftliche Themen, die für ein Projekt unerlässlich sind? Nicht alle Antworten liefert das Internet oder eine Bücherei, oder doch? Im mit Wissen gespickten "Jesus Video" habe ich keine Danksagungen gefunden. Falls die Frage nicht zu "intim" ist :-) - woher hatten Sie all die Informationen (über Ausgrabungen, Zeitmaschinen, die Stadt Jerusalem - na gut, Sie sind wohl dort gewesen - Judentum, Buchstaben-auf-altem-Papier-Lesbarmachung ... etc.) Wenn Sie Informationen aus erster Hand benötigen, wie gehen Sie dann vor? Rufen Sie z.B. einen Professor oder Fachgebietsexperten an, sagen "Hallo, mein Name ist Andreas Eschbach, Sie kennen mich vielleicht, ich bin Schrifsteller und recherchiere momentan für ein neues Buch, bei dem es um ... geht, können wir uns mal irgendwo treffen?" oder so ähnlich? Wenn man noch keinen Namen hat, kostet einen das schier unüberwindliche Überwindung. Gehört es sich / oder MUSS man solchen "Beratern" dann Provisionen zahlen oder sie anderweitig finanziell vergüten - was entspricht einer angemessenen Entschädigung? Eine Erwähnung in der Danksagung? Geht es unterm Strich darum, zu versuchen, den Leser "bloß" Glauben zu machen, man kenne sich aus, indem man eben Wissen durchblicken lässt, oder stecken tatsächlich fundierte Kenntnisse dahinter, die man etwa auch noch Jahre nach dem Schreiben des Buches abrufen könnte? Verzichten Sie notfalls auf Logik, Realitätsbezug usw.? Ich kann jeweils nur sehr rudimentäre Recherche zu Beginn eines neuen Projektes betreiben. Oftmals stosse ich erst während des Schreiben auf gewisse Fragen, die ich klären muss. Wie gehen Sie eigentlich vor? Ignorieren Sie die Frage, bis Sie mit dem Schreibschub fertig sind und beantworten es danach? Wenn ja, wie gehen Sie dann damit um, falls die Antwort, die Sie gefunden haben, ihre Geschichte umkrempelt? Wenn man in (Fach-)Büchern /Internet o.ä. recherchiert, ohne wörtlich zu zitieren, muss man dann auch angeben, woher man seine Informationen hat? Für meine Diplomarbeit musste ich die ganzen Zitierregeln beachten (vgl. XY, Seite xx) - ist das bei Belletristik anders? Wenn ich mich recht erinnere, hat M.Crichton in TIMELINE z.B. ein riesiges Literaturverzeichnis...
www.AndreasEschbach.com
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