Als ich an diesem Morgen mal kurz eine Zugverbindung heraussuchen will, läßt sich die Website der Deutschen Bahn nicht aufrufen. Server nicht erreichbar heißt es lapidar. Das wundert mich, weil das bisher immer eine der stabilsten und schnellsten Sites war, aber gut, mag ja mal vorkommen.
Der Server der Deutschen Bahn ist immer noch nicht erreichbar!? Das kommt mit seltsam vor. Und keine entsprechende Schlagzeile in den Nachrichten ("Blitzeinschlag zerstört gesamtes Rechenzentrum der Bahn" o.dgl.). Ich beschließe, da mal anzurufen.
Typisches Problem, wenn man eine so riesige Firma anrufen will: Man hat eigentlich keine Telefonnummer zur Hand. Schließlich finde ich auf einer alten Fahrkartenrechnung die Telefonnummer des Onlinedienstes, also der Stelle, wo die Leute sitzen, die die per Internet abgeschickten Kartenbestellungen verbuchen. Es ist eine 0180-Nummer, doch sie ist zu meinem Erstaunen von Frankreich aus anwählbar. Zu meinem noch größeren Erstaunen ist der Mann, den ich an die Strippe kriege, höchst erstaunt, daß ich nicht auf die Seite komme; die Server liefen, die Bestellungen kämen herein wie nur was, auch aus aller Welt, er habe heute schon zwei Karten nach Japan geschickt und eine in die USA. Rätselhaft. Ich versuche es gleich noch einmal, aber: Nada.
Weil ab und zu Mails, die ich über meinen Wanadoo-Account verschicke, zurückkommen mit Hinweisen wie:
550 5.7.1 This system is configured to reject mail from smtp6.wanadoo.fr
kommt mir der Verdacht, daß der Bahnserver mich vielleicht aus einem ähnlichen Grund abblockt: Weil ich ein "Wanadoo" bin!? Ich google nach einem Anonymizer, nachdem der klassische www.anonymizer.com nicht mehr das ist, was er mal war, und lande schließlich bei @nonymouse.com. Der zeigt mir an, daß in der Tat in meiner Kennung meine Herkunft wanadoo.fr unübersehbar enthalten ist, und als ich anonym auf www.bahn.de gehe - klappt es! Langsam, aber anstandslos. Habe ich die Lösung gefunden? Jein. Als ich versuchsweise auf den "Zur Buchung"-Link klicke, meldet sich @nonymouse statt der Bahn: Diese Art von Verbindung werde nicht unterstützt.
Immerhin kann ich auf den Seiten der Bahn nach einer Email-Adresse stöbern. Erfolglos, wie immer bei hochfrequentierten Seiten: Deren Betreiber wollen alles, bloß keine Emails. Schließlich schreibe ich an reiseportal@bahn.de:
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich lebe in Frankreich, und seit neuestem gelange ich nicht mehr auf www.bahn.de - es gelingt aber, wenn ich über einen Anonymizer gehe! Haben Sie wanadoo.fr irgendwie geblockt??
Ich bin ein alter Bahnkunde (Online-Bucher seit es die Möglichkeit gibt, bahn.comfort-Karten-Besitzer usw.) und müßte dringend ein paar Karten für Fahrten nach Deutschland buchen. Die französischen Systeme sind mit solchen Dingen regelmäßig überfordert; sprich: die Deutsche Bahn kann's besser.
Darf ich mein Geld bei Ihnen loswerden? Ich wäre dankbar für rasche Antwort und Hilfe.
Mit besten Grüßen
Andreas Eschbach
______________________
www.AndreasEschbach.com
Außerdem schreibe ich, nachdem ich unter ähnlichen Mühen eine Support-Email-Adresse aufgestöbert habe, auch an Wanadoo. (Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Support-Telefonnummern bietet Wanadoo reichlich an. Aber mein Französisch ist noch nicht so gefestigt, daß ich eine IT-haltige Diskussion per Telefon führen könnte.)
Natürlich noch keine Antwort, weder aus Deutschland noch aus Frankreich.
Die Geschichte mit dem Anonymizer läßt mir keine Ruhe. Ich versuche, über einen anderen französischen Internet-by-Call-Anbieter ins Netz zu kommen, aber es klappt aus irgendwelchen Gründen nicht. Zwar wird mir nach einer länglichen Anmeldeprozedur verkündet, ich sei nun registriert, doch als ich die Netzverbindung trenne und versuche, eine über den neuen Provider aufzubauen, funktioniert die Einwählnummer nicht.
Ich probiere es auch noch einmal über meinen CompuServe-Account. Seinerzeit war CompuServe der weltweit verläßlichste Provider: Ob das heute noch gilt, weiß ich nicht, jedenfalls komme ich über die französische Einwahlnummer nicht hinein. Ich habe noch vor unserem Umzug mit der Hotline gesprochen, aber die wußten auch nicht, warum es nicht klappt. Vielleicht habe ich bei der Installation der Zugangssoftware etwas falsch gemacht, aber daran herumzufrickeln ist mir zu heikel.
An diesem Nachmittag pilgere ich ins nächstgelegene Internet-Café, doch von dort aus klappt es auch nicht. Ich gehe von dort aus auf den Anonymizer, um mir meine Kennung anzugucken: Das Internet-Café ist auch über Wanadoo angebunden. Also liegt die Fehlfunktion mit Sicherheit nicht an der Konfiguration meines PCs, hat aber mit einiger Wahrscheinlichkeit etwas mit Wanadoo zu tun.
An diesem Abend stelle ich kurzerhand folgenden Hilferuf auf meine Website:
Ich wohne in Frankreich und gehe über den Provider wanadoo.fr ins Internet - der ist hierzulande ungefähr das, was t-online.de für Deutschland ist.
Seit einigen Tagen komme ich nicht mehr auf den Server der Deutschen Bahn AG. Weder http://www.bahn.de noch http://bahn.hafas.de sind erreichbar. Das äußert sich darin, daß laut Statuszeile endlos nach dem Server gesucht wird (die IP-Adresse wird angezeigt), dann kommt die Meldung, der Server sei nicht erreichbar.
Normalerweise heißt das, das der entsprechende Rechner eben gerade unten ist. Doch der Rechner der Bahn? Zwei Tage lang? Ich habe schließlich angerufen und mich vergewissert: Ja, alle Systeme laufen bestens, man nimmt auch fleißig Buchungen aus aller Welt entgegen.
Bloß von mir nicht. Ich kam auf die Idee, über einen Anonymizer-Dienst zu gehen, und siehe da, auf diese Weise komme ich anstandslos und sofort auf die Website der Bahn. Ich kann Zugverbindungen recherchieren - bloß bestellen funktioniert nicht. Das würde ich aber natürlich gerne. (Warum? Werden in Frankreich keine Fahrkarten verkauft? Doch - aber die Systeme der SNCF packen maximal 1x Umsteigen - in Paris nämlich, wenn man das Land durchquert. Damit komme ich zwar gerade über die Grenze, aber z.B. nicht nach Stuttgart, weil man dazu noch einmal in Mannheim umsteigen müßte. Mit anderen Worten, ich müßte u.U. Karten für die Weiterfahrt mit Aufschlag und Umständen im Zug nachlösen. - - Und was man hier natürlich überhaupt nicht bekommt, sind logischerweise Fahrkarten für Fahrten innerhalb Deutschlands. Zum Beispiel von einer Lesung zur nächsten, inklusive rechtzeitiger Reservierungen usw.)
Das Problem tritt auch mit anderen Browsern auf. Ich bin in das hiesige Internet-Café gegangen, doch dort funktionierte es auch nicht. Auch dieses Internet-Café war über wanadoo.fr angebunden. Es kann also nicht an meiner PC-Konfiguration liegen; vielmehr sieht es so aus, als liege es an der Kombination Provider/Deutsche Bahn.
Ich habe sowohl an die Bahn als auch an Wanadoo geschrieben, aber weder mit einer Antwort gerechnet noch eine bekommen.
Was geht hier vor? Muß ich damit rechnen, demnächst von weiteren Teilen des Internets abgeschnitten zu werden? Bleiben demnächst auch die Emails aus?
Any helpful hints are welcome...
Das erste Mail auf meinen Hilferuf! Es stammt von einem gewissen Markus Renschler, der sich zunächst nur erkundigt, ob das Problem noch aktuell sei. Ja!, kable ich zurück.
Weitere Mails trudeln ein. Unter Hauptverdacht stehen die Nameserver: Vielleicht liefert da einer eine falsche IP-Adresse? Ich solle doch mal die nackte Adresse der Bahn versuchen, http://81.200.192.68, das müsse funktionieren.
Tut es aber nicht.
Weitere Vorschläge: Wenn es über einen Anonymizer geht, müßte es auch gehen, wenn ich über einen Proxy surfe. Das würde ich gerne machen, wenn ich nur wüßte, wie das geht. Mein Spezialgebiet in der EDV waren Datenbanken; mit allem, was auf den Namen "Netzwerk" hört, war ich noch nie sonderlich gut befreundet.
Was sich nach und nach herausstellt, ist, daß es sich um ein Routing-Problem handelt. Die Rechner von Wanadoo dringen schlicht und ergreifend nicht zu den Rechnern der Bahn durch.
Das kann ich erst gar nicht glauben - hat man uns nicht immer erzählt, wie militärisch stabil, dezentral, ausfallsicher etc. pp. das Internet von seiner Konzeption her sei? Pustekuchen, erfahre ich, solche Routingprobleme kämen häufiger vor als man denkt.
Markus Renschler meldet sich wieder und beauftragt mich, auf meinem PC das Programm tracert nach www.bahn.de suchen zu lassen und ihm die Ausgabe zu schicken, die es produziert. tracert ist ein Programm, um den Weg zu verfolgen, den die TCP/IP-Datenpakete nehmen: trace route nennt man das.
Das mache ich umgehend. Wie sich herausstellt, gelangen die Datenpakete bis nach Deutschland, um dann bei einem Server mit dem klangvollen Namen M-5488-pos20.DE.lambdanet.net zu versickern. "Das bringt uns weiter", schreibt Markus Renschler und verspricht: "Ich nehme mir jetzt einfach mal die Freiheit, eine technisch formulierte Mail an webmaster@bahn.de zu schicken. Vielleicht nimmt das jemand ernst."
Das ist zu hoffen, denn keine halbe Stunde später kommt folgendes fröhliches Mail vom Service der Bahn:
Sehr geehrter Herr Eschbach,
vielen Dank für Ihre E-Mail.
Leider können wir nicht nachvollziehen, warum Sie von Frankreich aus nicht auf unsere Seite zugreifen können. Ähnliche Fehlermeldungen anderer Kunden, die auf ein Problem unseres Systems schließen lassen, sind uns nicht bekannt.
Wir bedauern, Ihnen hierbei nicht weiterhelfen zu können.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Service-Team von www.bahn.de
Ein ähnliches Mail kommt später auch von Wanadoo: Man komme selber auch nicht zu www.bahn.de durch, aber an Wanadoo liege es nicht; ich müsse den Betreiber der Site selbst kontaktieren. Man könne mir leider nicht helfen.
Also: Beide Seiten sagen, "an uns liegt's nicht". Bloß - in einer vernetzten Welt hat das keinerlei Relevanz.
Aber von Fachmann zu Fachmann sieht die Sache gottlob anders aus. Der Webmaster der Bahn bedankt sich bei Markus Renschler für die qualifizierte Fehlermeldung - sprich, mein(!!!) Trace-Route-Protokoll! Ich kann mich eines gewissen Stolzes nicht erwehren :) - und sagt, ähnlich Beschwerden gingen seit Tagen bei ihnen ein, leider bis dahin ohne ordentliche Beschreibung des Problems. Er selber sei kurz davor gewesen, selber nach Paris zu fahren, um das vor Ort zu testen.