Lesereise beendet
Nun ist der "Nobelpreis" ja kein ganz neues Buch mehr, aber die Veranstaltungen waren doch alle gut besucht; manchmal hätte auch der Ausdruck "brechend voll" gepaßt. Es war auch mal wieder ganz schön, durch deutsche Lande zu reisen, zumal diese ganz und gar nicht dem Eindruck entsprechen, den man aufgrund der Lektüre der diversen Nachrichtenmedien gewinnt - was ja nur gut ist.
Zunächst darf ich angenehm überrascht vermelden, daß ich diesmal über die Deutsche Bahn nichts Negatives sagen kann. Die Züge waren weitgehend pünktlich, wo es mal zu Verspätungen kam, kam es dennoch nicht zu Problemen - weiter so! (Kleine Anekdote am Rande: Im Herbst 2001, als mein Roman "Eine Billion Dollar" erschien und ich innerhalb von 2 Monaten 21 Lesungstermine kreuz und quer in Deutschland wahrzunehmen hatte, habe ich interessehalber genau Tagebuch geführt. Das bestürzende Resultat damals: Kein einziger meiner Züge kam pünktlich an. Die meisten starteten nicht mal pünktlich. Ich hatte oft große Verspätungen, teilweise von mehr als 1 Stunde, und einmal kam ich deswegen - die letzte Etappe ging per Bus, und Busse warten nicht auf Züge - zu spät.) Und was ich auch mal ausdrücklich hervorheben möchte: Ich habe keinen einzigen unfreundlichen Zugbegleiter getroffen. Ich habe sogar Schwierigkeiten, mich zu erinnern, ob ich es in den letzten fünfzehn Jahren überhaupt jemals mit einem unfreundlichen Zugbegleiter zu tun bekam. Sie wissen schon, den "grantigen Schaffner" mit Kasernenhofton am Leibe. Ich glaube, den gibt's gar nicht mehr. Die heutigen Zugbegleiter der Bahn sind jedenfalls vorbildlich: kümmern sich um alte Ommis, verlieren auch bei nervensägenden Penetranzbolzen nicht die Ruhe, wissen alles, vergessen nichts... Keine Ahnung, wie sie das hinkriegen.
Die Lesereise ging gleich mit einem Paukenschlag los: Eine nahezu ausverkaufte Lesung bei der Buchhandlung Linnemanns in Paderborn, die in einem angenehmen Abend mit den Buchhändlern in einer gemütlichen Kellerkneipe ausklang. Dann endlich mal eine Lesung in Hamburg - bislang weiße Zone auf meiner Lesungslandkarte. Und wie viele mir schon geschrieben haben im Lauf der Jahre, wann ich denn endlich mal in Hamburg...? Die können gar nicht alle da gewesen sein. Anschließend ein Wiedersehen mit Rostock, wo ich fast auf den Tag genau vor drei Jahren schon einmal gelesen habe.
Und endlich mal wieder Berlin! Schön geworden, der Hauptbahnhof, anbei bemerkt. Intuitiv einleuchtende Architektur. Bloß: viel zu wenig Fahrpläne - und viel zu wenig Uhren! (Das wäre mir am andern Tag fast zum Verhängnis geworden...) In einer Stadt wie Berlin steht man natürlich an jedem beliebigen Abend in Konkurrenz mit beliebig vielen anderen, gleichzeitig stattfindenden Lesungen; so las beispielsweise der Kollege Wolfram Fleischhauer an jenem Abend ein paar Straßen weiter... Aber es gehen auch genug Leute in Lesungen, so daß es sich ausgleicht.
Ich bin so große Städte nicht mehr gewöhnt. Das merkte ich, als ich Berlin verließ, um nach Thüringen zu fahren, wo es die Woche in Schleusingen zu beschließen galt. Die Hauptstadt ist doch ein Moloch, voll vibrierender Energie, und man bräuchte ein paar Wochen, rein um sich physiologisch zu akklimatisieren. In den Tälern der thüringischen Berge dann eher wieder die Art von Beschaulichkeit, an die ich mich hier in der Bretagne gewöhnt habe. Und ein schöner Leseabend in einem ungewöhnlich gestalteten Veranstaltungssaal, dem "Roten Ochsen".
In der Woche darauf dann, am Montagabend, wird es hochspannend: Lesung bei der Firma Brunnen. Dazu muß man wissen, daß die Firma "Brunnen" eben jene Notizbücher herstellt, die ich verwende, u.a. um meine Romane darin zu entwickeln. Nach langwierigen und schonungslosen Selbstversuchen bin ich nämlich darauf gekommen, daß der Brunnen Student-Block A5 mit 160 Blatt, Mikroperforation und Ausreißhilfe (Artikelnr. 67 802) der nahezu perfekte Notizblock ist.
Nahezu, wie gesagt.
Die Lesung findet in der schönen alten Kantine der Firma statt und ist ausnehmend gut besucht. Der Geschäftsführer spricht einleitende Worte (bei dieser Gelegenheit erfahre ich, was ich mit Che Guevara gemeinsam habe: Die Vorliebe für Notizbücher aus dem Hause Brunnen nämlich), die Gäste werden in einer Pause mit Heilbronner Wein und Brezeln bewirtet, und in der Fragestunde schließlich ergreife ich die erste sich bietende Gelegenheit, meinen Verbesserungsvorschlag, den "Student Block" betreffend, zu Gehör zu bringen.
Im Grunde ist es ganz einfach: Der Block hat alles, was man braucht, nur eines nicht - einen Platz auf dem Deckblatt, wo man hinschreiben könnte, zu welchem Thema, Schulfach oder Projekt er Notizen enthält. Stattdessen ist die gesamte Vorderseite zugedruckt.
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So sieht der Ringblock aus. Auffallend im Regal, zugegeben. Aber...
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...sobald man ihn dann zuhause hat, wäre es doch viel praktischer, man könnte ihn einem Thema widmen, oder?
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Das gab Gelächter. Nachher erklärten mir mehrere Leute von der Firma, warum das nicht gehe: Marketing! Der Student-Block ist eine Marke, das Design ein Logo, und so weiter.
Leuchtet mir alles ein. Wobei: Logos kann man ändern. Marken kommen auch mit weniger aus (ein Block mit einem klitzekleinen Mercedes-Stern oben in der Mitte wäre ein Mercedes-Block, oder?). Und wenn Raider in Twix umbenannt werden kann, dann ist vieles möglich.
Der Punkt ist, daß das nicht nur so eine Idee von mir ist, sondern eine Erfahrung. In meinen (schrecklich lange zurückliegenden) Studienzeiten verkaufte der "Uni-Laden" an der Uni Stuttgart von Zeit zu Zeit billige No-Name-Notizblöcke, die komplett weiße Deckkartons hatten. No Name eben in seiner reinsten Form. Ich kaufte diese Blöcke, wann immer ich sie kriegen konnte, weil es sehr praktisch war, für jedes Fach einen davon zu haben. Mit einem dicken Farbstift "Thermodynamik" vorne draufgemalt oder "Luftfahrttechnik" oder "Studienarbeit", und die Sache war klar.
Doch dann kam die Recycling-Papier-Welle. Es gab nur noch graue Blocks mit Deckblättern, die lauthals verkündeten, wie toll das alles für die Umwelt sei. Und als diese Welle abebbte, gab es nur noch "gute" Blocks mit quietsch-bunt-voll-bedruckten Deckblättern. Mein vorletzter Blanko-Block ging an ein Projekt "Umzug 1989", der letzte, mit der traurigen Aufschrift "Dies&Das", kam - noch halb leer - mit in die Bretagne.
Ich denke, daß man, wenn die Deckblätter von Notizblöcken zum Beschriften einladen, dazu tendiert, mehrere gleichzeitig zu benutzen, weil man auf diese Weise Vorhaben besser trennen und Informationen einfacher versammelt halten kann. Und ich weiß, daß man umgekehrt - wenn das Deckblatt nicht zum Beschriften einlädt - dazu neigt, nur einen Block zu benutzen: Weil man mehrere ständig verwechseln würde.
Und wenn das kein Marketing-Argument ist, dann weiß ich auch nicht.
Aber lassen wir das. Letzten Endes bin ich da nur Laie, Aktien der Firma Brunnen habe ich auch nicht, und zudem gilt es jetzt erst einmal, meine Theorie praktisch zu testen. Denn - herzlichen Dank an dieser Stelle! - kurz vor Weihnachten traf ein Paket ein mit Student-Blocks, kariert, 160 Blatt und Microperforation - und blütenweißen Deckblättern. Intern heißt diese Ausgabe "Eschbach-Edition", hat man mir gesagt, und mit diesem Vorrat bin ich nun für die nächsten Jahre ausgerüstet. Schau'n wir mal, wie sich meine Arbeitsweise weiterentwickelt...
Sehr schön auch die Lesung in Mannheim bei der Buchhandlung Kober. Bis in die letzte Reihe besetzt, gekonnt organisiert alles, und gute Laune hatten die Besucher auch mitgebracht.
Schließlich Stuttgart. Finale furioso, gewissermaßen - in letzter Zeit geraten Veranstaltungen in meiner alten Heimat gern zu regelrechten Happenings. Ein großer Saal mit 200 Plätzen komplett ausverkauft, die Buchhandlung Wittwer - heute noch mein Fixpunkt, wann immer ich in die Stadt komme; bestimmt habe ich die Hälfte aller Bücher, die ich besitze, dort gekauft - als Veranstalter... Das war alles nicht mehr zu toppen, also war es ganz gut, daß die Lesereise damit endete.