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Oktober/November 2005

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Wenn einer eine Lesereise tut...

Der Zug hält, man wuchtet seinen Koffer hinaus auf den Bahnsteig, nicht ohne noch einmal einen prüfenden Blick auf das Schild mit dem Ortsnamen zu werfen. Doch, man ist richtig. Bisweilen sogar pünktlich.

Was mich immer wieder fasziniert, ist, wie oft das Schild mit dem Ortsnamen der einzige Hinweis auf die Ansiedlung außerhalb des Bahnhofs bleibt. Das Bahninterne ist alles gut organisiert: Mühelos erfährt man, wann und wo welcher Zug wohin fährt und von welchem Gleis; es gibt Fahrkartenautomaten und Auskunftsschalter und Fahrpläne und so weiter. Bloß der Ort außerhalb des Bahnhofs kommt innerhalb des Bahnhofs in aller Regel nicht vor. Schon gar nicht in Form eines Stadtplans.

Ich vermute mal, die Bahn überläßt es den betreffenden Städten und Gemeinden selbst, sich ihren Besuchern zu präsentieren, was zunächst kein dummer Gedanke ist. Doch er hat zur Folge, daß es jede Stadt und jede Gemeinde anders macht, und leider meistens schlecht.

Es fängt damit an, daß man mancherorts einen Stadtplan vergeblich sucht. Wo nicht, hängt er meist in einem Glaskasten außerhalb des Bahnhofs, gern unter freiem Himmel, was bei Regen nicht dazu angetan ist, ein Gefühl von Willkommensein hervorzurufen. Ein Straßenverzeichnis fehlt häufig, nicht selten - gerade bei kleineren Orten - ist der Plan handgezeichnet und entbehrt eines Maßstabs: Man kann nur raten, ob der Ortskern zweihundert Meter oder fünf Kilometer entfernt liegt.

Hotels sehe ich auf Stadtplänen vor Bahnhöfen so gut wie nie eingezeichnet; auch Kaufhäuser scheinen sich nicht vorstellen zu können, daß ein Bahnreisender Wünsche verspüren könnte wie den, sich rasch (!) ein Paar Socken zu kaufen oder eine Nagelschere oder dergleichen.

In vielen Städten wirkt auch der öffentliche Personennahverkehr wie ein geschlossener Club, den Eingeweihten unter den Einheimischen vorbehalten. Jedenfalls hält man es nicht für nötig, Ortsfremden die Spielregeln zu erklären. Wenn überhaupt, dann hängt nur ein extrem stilisierter Linienplan hinter Glas, mit dem man nichts anfangen kann, wenn man den Bezug zwischen dem Zielort und den zur Verfügung stehenden Stationen nicht herstellen kann. Das könnte man nur, wenn es daneben auch einen Stadtplan mit den - vernünftig eingezeichneten - wirklichen Straßenbahn- und Buslinien gäbe. Der jedoch, da aufwendig, fehlt oft.

Ja, natürlich kann man jemanden fragen. Was anderes bleibt einem oft auch nicht übrig. Aber abgesehen davon, daß es auch Zeiten, Situationen und Befindlichkeiten geben mag, da man das nicht tun kann oder möchte, ist es eben ein Notbehelf, ein "sich durchschlagen". Man fühlt sich nicht "fast wie zuhause", sondern dumm und ausgeliefert. (Wie wird der Fahrkartenkontrolleur reagieren, wenn man sagt: "Da war diese nette alte Dame am Bahnhof, die hat mir gesagt, ich müsse die Linie 3 nehmen und brauche einen Fahrschein für 1 Zone." Höchstwahrscheinlich so: "Netter Versuch, Sportsfreund. Das macht dann 60 Euro. Und den Personalausweis, bitte.")

Und: Ja, natürlich kann man auch einfach in ein Taxi steigen und sich zum Hotel fahren lassen. Ich mache das auch in der Regel. (Wobei es mir schon passiert ist, daß mich der Taxifahrer, als ich das Hotel nannte, böse ansah, auf ein Gebäude auf der anderen Seite des Bahnhofsvorplatzes deutete und sagte: "Das ist da drüben!" Seither gucke ich vorher ganz gern nach, wo sich das Zielhotel ungefähr befindet.) Aber ich habe doch stark den Eindruck, daß nicht nur lesereisende Schriftsteller mit Spesenkonto per Bahn in ihnen unbekannte Städte fahren.

Hotels sind auch so eine Sache. Auf Lesereisen lernt man etliche davon kennen, und ganz oft ist es so, daß sich zwei von der Beschreibung und der Ausstattung her ähneln wie Zwillinge - aber in dem einen fühlt man sich wohl und das andere verläßt man, so schnell es geht. Woran liegt das? Ich glaube, weil man ein Gespür dafür, wie man gesehen wird, nicht abstellen kann. Wird man als Gast betrachtet, dem man den Aufenthalt angenehm gestalten will (im Rahmen seiner Möglichkeiten, natürlich; ich verlange nichts Unmögliches), damit er vielleicht wieder einmal kommt? Oder gilt man als Exemplar aus einer bis zum Überdruß anströmenden räuberischen Schar, denen man keinen Fingerbreit mehr überlassen darf als unbedingt notwendig? Ich war vor Jahren in einem Hotelzimmer, in dem nicht nur die Bilder und Spiegel angeschraubt waren, sondern auch die Sessel! Und der Fernseher stand in einer Kommode hinter Glas! Man bekam richtig Lust, die Fernbedienung zu klauen.

Klar würde ich mich, wäre ich Hotelier, auch ärgern über Kunden, die Bademäntel und Kleiderbügel und was weiß ich noch alles stehlen. Doch das ändert nichts daran, daß mir, wenn ich mich als Hotelgast unter Generalverdacht fühle, eben unwohl ist. Und ich gehöre zu den Reisenden, die im Falle des Unwohlfühlens im Organizer hinter der Hoteladresse vermerken: "Nächstes Mal ein anderes probieren."

Das ist nämlich ein nützlicher Nebeneffekt von Lesereisen: Daß so nebenher ein ansehnliches Verzeichnis von Hotels entsteht, in denen ich mich pudelwohl fühle und denen ich so treu bin, wie ich dies angesichts meiner Reisegewohnheiten und den rasch wechselnden Besitzverhältnissen von Hotels geht. Und das hat nichts mit der Zahl der Sterne zu tun! Es geht nämlich überhaupt nicht darum, ob irgendwelche Checklisten abgehakt sind, was die Ausstattung von Hotelzimmern, die Infoschaukästen des Nahverkehrs oder dergleichen betrifft. Die Frage aller Fragen ist: Versetzt sich derjenige, der etwas anzubieten hat, in die Lage desjenigen, dem er es anbietet? Sobald wir das Gefühl haben, jemand denkt sich in unsere Lage (selbst wenn er es nur ansatzweise schafft), sind wir schon mit fast allem versöhnt. Wenn aber erkennbar ist, daß es nicht einmal versucht wird, dann sperrt sich etwas in uns.

Was heutzutage auch praktisch unmöglich geworden ist: Fremd in einer Stadt zu sein und herauszufinden, was im Kino läuft. Früher fand man an jeder Litfaßsäule und in jedem Anzeigenblatt eine Übersicht über alle Kinos der Stadt und was für Filme darin liefen, und in meiner Studentenzeit hat mich diese Übersicht nur zu oft überhaupt erst dazu animiert, ins Kino zu gehen. Seit einiger Zeit sind diese Gemeinschaftanzeigen offenbar verschwunden; jedenfalls finde ich sie nirgends mehr. Dann passiert es, daß ich auf einer Lesereise einen freien Abend habe, mir die Plakat- oder Fernsehwerbung für einen neuen Film auffällt und ich mir sage: Den könntest du dir eigentlich ansehen. Doch läßt sich nicht herausfinden, wo er läuft.

Okay. Ist aber vielleicht auch nicht so wichtig. Viele Kinos sind ja sowieso so gestaltet, daß man beim Verlassen von der eigenen DVD-Heimkinoanlage träumt. Gut, daß niemand mit fertig vorbereiteten Kaufverträgen an den Kinotüren lauert; man wäre ein leichtes Opfer...

Der wohl gravierendste Nachteil von Lesereisen ist, daß der dadurch erzwungene Tagesablauf wenig kompatibel ist zu den Öffnungszeiten der Gastronomie. Trotz gewisser Übung werde ich in den Stunden vor einer Lesung nämlich regelmäßig von einer gewissen Anspannung befallen - leichtes Lampenfieber, was ja angeblich zu besserer Performance beitragen soll. Doch eine Nebenwirkung ist, daß ich vor einer Lesung keinen Hunger verspüre, nicht einmal Appetit. Mehr noch, ich bin regelmäßig fest davon überzeugt, daß ich eigentlich vom Frühstück noch völlig satt bin und damit eigentlich auskomme.

Wenn es dumm läuft, muß ich das auch, denn sobald die Lesung vorüber ist, ändert mein Organismus seine Meinung und produziert ein "großes-gräßliches-Loch-im-Bauch-Gefühl", das nur durch einen kleinen Imbiß zuverlässig beseitigt werden kann. Dummerweise schließen die Küchen von Hotelrestaurants abends in der Regel etwa in dem Moment, in dem ich den Kugelschreiber zücke, um das erste Buch zu signieren. Das mache ich ihnen, wohlgemerkt, nicht zum Vorwurf; Schriftsteller auf Lesereise sind eine zu kleine Zielgruppe, als daß ihre Berücksichtigung ökonomisch sinnvoll wäre. Aber Tatsache bleibt, daß ich über die Qualität der Küche in den Hotels, die ich besuche, nichts weiß, weil ich in der Regel die Speisekarten nur im Fahrstuhl zu sehen bekomme, außerhalb der Öffnungszeiten. Sie lesen sich jedenfalls meist lecker, soviel kann ich sagen.

Manchmal lädt einen der Veranstalter nach der Lesung zum Essen ein, oft aber auch nicht (verpflichtet dazu ist er nicht, um das ganz klar zu sagen, und ich hätte auch kein gutes Gefühl dabei, wenn er es wäre), und dann bin ich mir selbst und meinem Glück überlassen. Vielerorts bekommt man abends um zehn oder halbelf Uhr tatsächlich nirgends mehr etwas zu essen, wenn man nicht zu den stadtbekannten Unternehmern gehört und Sonderabsprachen mit einem Gastwirt treffen kann (ich sollte Lesereisen durch Spanien machen; dort betreten um halb elf Uhr abends überhaupt erst die ersten Gäste die Restaurants). Anderswo gäbe es zwar entsprechende Gaststätten, doch man findet sie als Ortsfremder nicht. Manchmal, weil man sie einfach schwer sieht: Mehr als einmal entdecke ich am nächsten Tag auf dem Weg zum Bahnhof zu meiner Verblüffung ein Restaurant entlang der Route, die ich am Abend zuvor gegangen war. Oft habe ich es übersehen, weil es im Dunkeln nur schwer als Restaurant zu identifizieren ist, vielleicht überhaupt nur auf einem vornehm zurückhaltenden kleinen Schild zugibt, eines zu sein.

Die Rettung sind oft asiatische Restaurants. Erstens, weil sie immer so lange geöffnet haben, wie es irgend geht, zweitens, weil asiatische Kost auch spät am Abend gut bekömmlich ist, und drittens, weil sie nicht originell sein wollen, sondern chinesische Löwen und Lampionlampen vor den Eingang setzen, so daß man sie auch bei einem Blick in eine Seitenstraße zuverlässig erkennt.

Rätselhaft bleibt: Wieso ich auf Lesereisen trotzdem nicht abnehme...


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