Produktive Zeiten...
Daß ich mich in den letzten beiden Monate möglicherweise etwas zu sehr eingeigelt habe, wurde mir klar, als meine Agentur mich wissen ließ, es hätten Leute nachgefragt: Meine Homepage sei schon so lange nicht mehr aktualisiert worden, ob ich etwa auch in dem Tsunami...?
Nun, zum Glück nicht. Wobei die Gefahr ohnehin gering war, denn schließlich wohne ich im Urlaub; wenn ich von hier fort fahre, dann in der Regel, um zu arbeiten: Recherchen, Lesereisen und dergleichen. Da das Fliegen außerdem immer mehr zu einer unerfreulichen, unzuverlässigen und entwürdigenden Fortbewegungsweise verkommt, meide ich es sowieso, wo es geht.
Der Grund, warum sich auf meiner Website so lange nichts getan hat, war schlicht und einfach der, daß es zuviel anderes zu tun gab.
Das Marsprojekt geht weiter
So habe ich kurz vor Weihnachten den zweiten Band der Marsprojekt-Reihe fertiggestellt, den sich viele gewünscht haben - ich selber vor allem! Tatsächlich hatte ich damals, als der Arena-Verlag mit dem Vorschlag an mich herangetreten ist, SF-Jugendbücher zu schreiben, sofort an eine Reihe gedacht. Denken wir nicht alle, die wir in unserer Jugend Leseratten waren, immer sofort an Reihen? Fünf Freunde im Weltall - da reicht ein Buch doch nie im Leben, oder? Aber von Seiten des Verlages meinte man, "lieber erst nur ein einzelnes Buch und dann mal sehen", und okay, man ist ja flexibel. Das Buch erschien, und es ging immerhin gut genug, daß man mich weitere machen ließ. Aber immer Einzeltitel, bitte.
Irgendwann letztes Jahr kam dann die Anfrage, ob ich mir eigentlich vorstellen könne, aus dem "Marsprojekt" vielleicht... ähm... eine Reihe zu machen? Jemand im Vertrieb sei darauf gekommen, daß sich das Buch dafür geradezu anbiete. Na sowas. Nun, natürlich konnte ich mir das vorstellen. Es war sogar ganz einfach: Notizbuch auf, zurückblättern zu den ersten Entwürfen, und da stand dann schon alles. Ich brauchte nur noch loszulegen.
Nun heißt die Reihe also "Das Marsprojekt" und wird ganz neu gestaltet in einer Weise, die ordentlich was her macht. Der erste Band erscheint auch noch einmal, auch in neuer Gestaltung, und erhält den Untertitel "Das ferne Leuchten". Der zweite Band heißt "Die blauen Türme". Es wird in Bälde ein dritter Band folgen; den muß ich aber erst noch schreiben, und wie er heißen soll, weiß ich auch noch nicht genau. Insgesamt angelegt ist die Reihe aber auf (mindestens) fünf Bände: Wenn sich Band 2 und 3 gut genug verkaufen, darf ich die dann auch noch machen. Hoffen wir das Beste.
Im Herbst ein neuer Roman bei Lübbe
Ferner war der neue Roman für Lübbe zu überarbeiten. Da war das Manuskript schon seit letzten September beim Verlag, aber durch Buchmesse und dieses und jenes zieht sich das Lektorat immer bis in den Januar, was auch nicht schlecht ist, weil ich auf diese Weise wieder gut Abstand gewinnen kann. Die Überarbeitung hat noch einmal ordentlich was gebracht, und ich bin nun sehr zuversichtlich, damit wieder einer Menge Leuten den Nachtschlaf rauben zu können. Mehr will ich allerdings im Moment dazu noch nicht verraten, außer, daß es wie üblich mal wieder was gaanz anderes wird als die bisherigen Romane...
Seit einigen Jahren läuft der Januar für mich immer gleich ab: Erst wird ein Roman in die Produktion verabschiedet, dann breche ich auf nach Wolfenbüttel zur Bundesakademie für kulturelle Bildung, um mein alljährliches Schreibseminar abzuhalten, wie immer gemeinsam mit Klaus N. Frick, dem Chefredakteur der von mir nach wie vor geschätzten Perry Rhodan-Serie. (Unabhängig davon schätze ich auch Klaus Frick persönlich, um das mal anzumerken.) So auch diesmal - mit dem kleinen Unterschied, daß diesmal kein gewöhnliches Schreibseminar stattfand, sondern ein Experiment, das nicht wenige Leute im Vorfeld als "völlig durchgeknallt" bezeichnet hatten.
Völlig zu Recht, muß ich sagen. Denn was wir diesmal vorhatten, war nicht mehr und nicht weniger als zu versuchen, an einem einzigen Wochenende einen kompletten Roman aus dem Boden zu stampfen! Mit anderen Worten: Am Freitag, dem 21. Januar um 16 Uhr anzufangen mit der Frage "Was für eine Geschichte wollen wir schreiben?", und am Sonntagmittag um 12 Uhr eine Rohfassung von mindestens 300 Seiten zu haben.
Streß pur? Das können Sie singen. Sogar für uns Dozenten, die wir "nur" koordiniert haben.
Aber ehe jemand die "armen Teilnehmer" bedauert: Das waren zum größten Teil schreiberfahrene Wiederholungstäter, und sie wußten, was sie erwartete. Sie hatten alle starke Zweifel, daß das klappen würde, aber sie sind trotzdem gekommen. Und am Schluß waren sie alle regelrecht high.
Denn - es hat geklappt. Es wurden sogar 338 Seiten, und als die geschrieben waren, war noch fast eine Stunde übrig. Das untenstehende Foto zeigt die gesamte Mannschaft vor dem fertigen, an zahllosen Pinnwänden ausgehängten Roman (gut, natürlich ist er noch nicht fertig, es ist eine Rohfassung, die wie jede erste Fassung eines Romans noch der Überarbeitung bedarf):
Stehend, von links nach rechts: Klaus N. Frick, Wolfgang Sternbeck, Andreas Eschbach, Cathrin Block, Andreas Krasselt, Hans Peter Röntgen, Petra Vennekohl, Jürgen Baumgarten, Angelika Öhrlein, Ursula Poznanski. Hockend, von links nach rechts: Wulf Dorn, Dr. Olaf Kutzmutz, Friedrich List, Momo Evers, Christian Hermann, Stefanie Bense, Kathrin Lange. Vorn: Sabine Wedemeyer-Schwiersch.
Etliche der Autoren, die dabei waren, haben auch schon Erfahrungsberichte auf ihre Homepages gestellt:
Ich selber habe natürlich auch einen Bericht geschrieben, den man in der nächsten Ausgabe des Magazins Phantastisch! (in dem ich ansonsten übrigens eine kleine Kolumne über das Schreiben habe) nachlesen können wird.
Aber was sollte das Ganze? Es kann vielleicht nicht schaden, wenn ich dazu noch etwas sage, denn wie eigentlich nicht anders zu erwarten war, hat die Presse die Nachricht von diesem geglückten Rekordversuch vorwiegend in den falschen Hals bekommen. Was denn da "geglückt" sei, fragt die Hannoversche Allgemeine Zeitung in einem Kommentar und antwortet sich selbst kummervoll: "Geglückt" ist einfach die Abschaffung von Geduld, Sorgfalt und Akribie - und die Vernichtung von Schreibskrupeln, was dem Kommentator Bauchschmerzen bereitet. Ein anderes Feuilleton sieht gar das Buch entwürdigt.
Hach ja. Ich vergesse nur zu gern, daß dieses Bild von Literatur ja immer noch sein Unwesen in der deutschen Vorstellungswelt treibt: Der Dichter in seiner kargen, kalten Dachkammer, hungernd, in Lumpen gehüllt nach dem richtigen Wort grübelnd, bis ihm das Blut auf die Stirn tritt. Literatur als Hochamt. Der Poet als Sprachrohr Gottes. Der Dichter, der, wie man im Deutschunterricht nicht müde wird zu behaupten, uns etwas sagen will. Und so weiter.
Mit dem, was beim Schreiben tatsächlich abläuft, hat das so gut wie nichts zu tun. Paradoxerweise kommt die HAZ aber mit der Sentenz von der "Vernichtung der Schreibskrupel" der Sache am nächsten: Es war tatsächlich die Absicht hinter diesem Experiment, all das, was Autoren traditionell daran hindert, das Schreiben fließen zu lassen und Freude dabei zu haben, einfach wegzuätzen durch den Druck der Situation. An diesem Wochenende mußte man schneller schreiben, als man denken konnte, und das war gut so, denn es wird ohnehin viel zuviel gedacht in der deutschen Literatur. Schreiben ist nämlich in der Tat nicht etwas, das man "macht", sondern etwas, dem man sich ausliefern muß. Bloß: Nachdenken ist der Versuch, zu verhindern, ausgeliefert zu sein, der Versuch, die Dinge unter Kontrolle zu behalten.
Naja. Und so liest sich das meiste Zeug ja auch.
Mal davon abgesehen: Haben die Autoren denn wirklich so furchtbar schnell geschrieben? Zwanzig Seiten hat jeder beigesteuert, und dafür standen fast zwei Tage Zeit zur Verfügung. Es gibt Werke der Weltliteratur, die, bedenkt man, daß sie jemand alleine geschrieben hat, in weitaus höherer Geschwindigkeit entstanden sind. Lope de Vega, heißt es, schrieb einmal zehn Theaterstücke in einer Woche. Françoise Sagan schrieb ihr Bonjour tristesse innerhalb von drei Wochen, Ray Bradbury sein Fahrenheit 451 innerhalb von neun Tagen. Und hat Jack Kerouac sich für sein On the road nicht auch planmäßig in einen Schreibrausch hineingeschrieben?
Da also offensichtlich keiner der Kommentatoren das verstanden hat, gebe ich es eben hier ausdrücklich zu Protokoll: Das Bemerkenswerte - und das Schwierige! - dieses Experiments war die Zusammenarbeit von fünfzehn Autoren an einem Werk. Nicht die Schreibgeschwindigkeit.
Und - es war in erster Linie als lehrreiche Erfahrung für die Teilnehmer gedacht. Es war kein Trainingslager für neue literarische Produktionsformen, die eine schnelllebige Zeit links überholen wollen nach dem Motto "Heute noch Schlagzeile, nächste Woche als Roman bei Ihrem Buchhändler". Auch künftig werden gute Bücher von der Stimme eines Autors getragen sein, und auch die Teilnehmer dieses Seminars werden ihre eigenen Romane künftig alleine schreiben - und sich die Zeit dazu lassen, die diese eben brauchen. Das Rekordexperiment hat vielleicht bei manchem die Angst vor dem "dicken Stapel Papier" besiegt. Und erst da, wo diese Angst besiegt ist, können sich Geduld, Sorgfalt und Akribie entfalten.