Science Fiction im Land der Störche
Ich war also nach Polen eingeladen, aus Anlaß des Erscheinens der "Haarteppichknüpfer" auf Polnisch.
Meine Übersetzerin, Joanna Filipek, holt uns am Flughafen in Warschau ab und fährt mit uns nach Nidzica, wo sie selber auch noch nicht war. Sie lebt im Süden, hat in Deutschland studiert und eine Zeitlang in Berlin gearbeitet. Sie hat "Die Haarteppichknüpfer" entdeckt, übersetzt und im Alleingang einen Verlag dafür gesucht und in SOLARIS gefunden - nach zwei Jahren! Eine unglaubliche Geschichte.
Erster Eindruck: Eine unendliche Ebene. Saftig grün, wogende Felder, Alleen und Wälder, so weit das Auge reicht - und es reicht sehr weit. Ich fühle mich an Filmbilder aus Russland erinnert und habe das Gefühl, man könnte nun fünftausend Kilometer ostwärts reisen, ohne daß sich die Landschaft signifikant ändern würde.
Zweiter Eindruck: In diesem Land ist Autofahren noch ein wirkliches Abenteuer. Die Überholmanöver, die hierzulande üblich sind, definieren das Wort "waghalsig" völlig neu. Man fährt auf Tuchfühlung auf, sieht in einem entgegenkommenden Laster keinen Grund, nicht zu überholen, bremst abrupt und kommt einmal pro 150 Kilometer in eine potentiell lebensbedrohliche Situation. Gut, daß ich die Unfallstatistiken nicht kenne. Polen muß ein enormer Markt für Bremsbeläge und Stoßdämpfer sein.
Ich konzentriere mich also auf die Landschaft ringsum. Das lohnt sich, denn in der Gegend, durch die wir fahren - Masuren - wimmelt es von Störchen! In jedem Dorf gibt es mindestens ein riesiges Nest auf irgendeinem Dach, einem alten Kamin oder auf einem eigens dafür errichteten Gestell. Störche bringen Glück, heißt es. Sie stehen scharenweise auf den Wiesen, staken durch sumpfige Niederungen - und sind in echt noch viel schöner als auf allen Bildern. Der Anblick hat für mich etwas Unwirkliches. Das letzte Mal habe ich einen Storch gesehen, als ich acht Jahre alt war.
Als Schriftsteller hat man natürlich immer und überall ein besonderes Augenmerk auf die geschriebene Sprache. Das Polnische zeichnet sich durch eine ausgesprochene Vorliebe für die Buchstaben c, y, z und w aus sowie durch bemerkenswert kreativen Einsatz diaktritischer Zeichen. Zum ersten Mal bin ich in einem Land, in dem ich überhaupt nichts verstehe oder lesen kann.
Das Hotel, in dem wir untergebracht sind, liegt ruhig, weitab vom nächsten Ort (was den Nachteil hat, daß man auf Shuttle-Dienste angewiesen ist) an einem malerischen See, wo Schilf wogt und Frösche um die Wette quaken. Die Betten sind erstaunlich gut, besser als in den meisten Hotels, in denen ich je war, und wir schlafen tief und fest. Jeden Abend ist Grillfest und Alkoholbekämpfung angesagt, was das erste Mal toll ist und das zweite Mal noch ganz nett, aber dann müssen wir die Waffen strecken und einen Intensiv-Ruhetag einlegen. Denn immerhin ist tagsüber Con, und zwar volles Programm.
XI FESTIWAL FANTASTYKI W NIDZICY
Wer schon mal einen deutschen Con erlebt hat - einen von den mittelgroßen, mit zwei- bis dreihundert Besuchern -, der ersetze in seiner Vorstellung einfach die deutsche durch die polnische Sprache, verlege ihn aus den üblichen Gemeinde-oder Jugendhäusern in eine echte alte Ritterburg und vervielfache (Betonung auf viel!) die Menge des konsumierten Alkohols: Und schon hat man einen polnischen Con. Alle übrigen Zutaten sind dieselben - Diskussionen, Filme, Buchvorstellungen, Preisverleihungen, ausgestellte Grafiken, Büchertische usw. (Oben übrigens das offizielle Logo des Cons, das auch jeder auf einem Namensbutton spazierentrug. Die Farben der Buttons waren eine Art Rangabzeichen: Wer zum ersten Mal kam, bekam einen gelben Button, Wiederholungstäter orange oder grüne, und nur diejenigen, die auf allen elf bisherigen Cons in Nidzica waren, weiße!)
Klingonen fehlten, dafür gab es waschecht aussehende Ritter, die am Samstagabend auch ordentlich die Klingen kreuzten, daß es nur so krachte. Den Luxus, die phantastische Literatur noch einmal in SF, Fantasy usw. zu untergliedern, leistet man sich in Polen nämlich nicht: Mutige Drachenbezwinger, Weltraumfahrer und Kunstfiguren wie Asterix leben in friedlicher Koexistenz.
Auch der eine amerikanische SF-Autor, der mindestens sein muß, damit ein Con ein Con ist, fehlte nicht; in diesem Fall war es die Cyberpunk-Autorin Pat Cadigan, die in London lebt und deren Reise vom British Council gesponsert wurde. Ferner anwesend:
- Zwei Autoren aus der Ukraine, Oleg Ladischenski und Dimitri Gromow, die unter dem gemeinsamen Pseudonym H.L. Oldi eine Art in der Gegenwart angesiedelte Mystery-Fantasy schreiben, unter Einbeziehung fremdländischer Mythen aller Art (so hat man mir es jedenfalls erklärt),
- die spanischen SF-Autoren José Faraldo und Victor Conde, die ich vermutlich demnächst in Gijon wiedersehen werde,
- sowie der in Polen sehr berühmte und auch sichtbar umschwärmte Fantasy-Autor Andrzej Sapkowsky, der allerdings permanent betrunken und im persönlichen Kontakt so arrogant war, daß es mir schlicht die Sprache verschlagen hat: Eine eher unangenehme Begegnung.
- Außer mir war aus Deutschland auch Thomas R.P. Mielke eingeladen, dessen Roman "Sakriversum" auch neu in Polen erschienen ist (mit einem schöneren Titelbild als meiner). Doch da er krankheitshalber verhindert war, hat man ihn einfach gleich auf nächstes Jahr umgebucht.
Ohnen Sponsoren gäbe es diesen Con nicht, denn Polen ist kein sonderlich wohlhabendes Land, und polnische Verleger müssen erst recht jeden Zloty zweimal umdrehen. Zwar fehlt es an nichts Lebensnotwendigem, die meisten Autos auf den Straßen sind größer, schöner und neuer als mein eigenes und die Handys in allen Taschen der letzte Schrei, aber Bücher beispielsweise sind enorm teuer: Ein Taschenbuch kostet, umgerechnet auf das Einkommensniveau, das, was man in Deutschland für ein Hardcover bezahlt. Trotzdem schleppten manche die Neuerscheinungen stapelweise davon. Echte Fans eben.