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März 2007

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Ende einer Lesereise

Stellen Sie sich vor: Sie haben Ihre Lesereise beendet, noch einmal ausgeschlafen, stehen am Bahnhof und der Zug, der Sie nach Hause bringen soll, rollt ein. Pünktlich. Sie atmen auf. Die Lesereise war anstrengend - sechzehn Reisetage bisher, dreizehn Lesungen, zwei Fernsehtermine, jede Menge Interviews und Gespräche mit Lesern, an die tausend Mal den eigenen Namen irgendwohin gekritzelt -, und obwohl die Reise vom Verlag tadellos organisiert war, Sie nur in guten bis sehr guten Hotels untergebracht waren und die Züge und Flüge alle weitgehend problemlos verliefen, sind Sie doch... nun ja, ermattet. Sie haben gelernt, daß ein Spitzenplatz in der Bestsellerliste kein Garant für ausverkaufte Veranstaltungen ist; wann immer der Bär tanzte, war dies eher dem guten Ruf des veranstaltenden Buchhändlers zu verdanken als Ihrem - nun ja. Richtig leer war es immerhin nie. Sie haben nur noch schmutzige Wäsche in Ihrem Koffer, den Sie nun an Bord des Zuges wuchten, außerdem sind Sie seit ein paar Tagen krank: Halsweh, Husten, Heiserkeit, Kopfschmerzen. Sie wollen nur noch nach Hause.

Eine Minute ist es noch bis zur Abfahrt, als die Durchsage kommt: "Wegen einer technischen Störung verzögert sich die Weiterfahrt um fünfzehn Minuten."

Wenn Ihr Weg nach Hause über Paris führt, beginnen Sie in dem Moment alarmiert zu rechnen. Man muß in Paris mit der Metro von einem Bahnhof zum anderen fahren, wenn man umsteigen will, und das dauert fünfzig Minuten, wenn man es ruhig angeht, vierzig Minuten, wenn man sich beeilt. Fünfundfünfzig Minuten haben Sie, also: Wenn der Zug bis Paris keine Zeit mehr verliert, vielleicht sogar etwas Zeit gut macht (zwischen Nancy und Paris fährt er drei Stunden ohne Halt, da ist allerlei möglich), kann es noch klappen. Aber es wird stressig.

Sie haben sich gerade einigermaßen beruhigt, da kommt die nächste Durchsage: "Die technische Störung ist doch schwerwiegender als zunächst gedacht. Der Zug wird deshalb nicht weiterfahren. Bitte alles aussteigen. Ein Hinweis für Reisende nach Paris: Der nächste Zug fährt um..." Und dann nennt er eine Uhrzeit fast zwei Stunden später!

Man erfährt ja nie, was das für technische Störung sind, und so kann man sich so gar nichts darunter vorstellen. Was kann da passiert sein, daß ein ganzer Zug ausfallen muß, so von jetzt auf gleich? Schweigen im Walde, die Zugbegleiter bedauern, dann tauchen sie unter.

Sie wuchten Ihren Koffer wieder aus dem Zug, stehen eine Weile ratlos auf dem Bahnsteig herum, genau wie die anderen Reisenden, und gehen Ihre Optionen durch. Mit dem nächsten Zug fahren? Der kommt etwa eine Stunde nach Ihrem letzten Anschluß in Paris an. Die Bahn vergessen, rasch zum Flughafen und gucken, ob man noch einen Flug bekommt? Ein im Grunde alberner Gedanke läßt Sie zögern: Sie haben sich gerade mit Proviant eingedeckt für die Fahrt, unter anderem mit einer Flasche Multivitaminsaft und einer Flasche Cola, und die müßten Sie entweder vor dem Einchecken austrinken oder wegwerfen. (Man darf als grundsätzlich terrorverdächtiger Flugreisender ja keine Getränke mehr mit in Flugzeuge nehmen - ohne daß man deswegen dort zum Ausgleich mehr zu trinken bekäme.) Und nehmen wir mal an, Sie fliegen ungern und nur, wenn es gar nicht anders geht.

Auf jeden Fall brauchen Sie eine Bestätigung, daß der Zug ausgefallen ist, um gegebenenfalls die Kosten erstattet zu bekommen. Doch von wem? Kein Uniformierter mehr zu sehen. Also auf zum Serviceschalter, wo sich schon Menschentrauben drängen. Das kann was werden. Dabei wollen Sie doch nur nach Hause!

Da, eine Uniformierte mit Funkgerät eilt herbei, schwenkt die Arme, ruft: Es wird ein Ersatzzug bereitgestellt! Gleis soundso, bitte alles einsteigen!

Sie sind, allem Ärger zum Trotz, erleichtert. Hauptsache, es geht weiter! Sie eilen zu besagtem Gleis, steigen ein. Es sind ein paar Wagen mehr als im originalen Zug, so daß der Verlust der Platzreservierungen keine Probleme schafft. Und tatsächlich, bald darauf geht es los.

Mit vierzig Minuten Verspätung. Das heißt, Ihren ursprünglichen Zug werden Sie nicht mehr kriegen. Zum Glück fährt noch einer, eine Stunde später. Das sollte zu schaffen sein.

Der Bahnhof entschwindet, Sie entspannen sich. Der Zugchef meldet sich wieder zu Wort, drückt sein Bedauern aus, verrät weiterhin nicht, was eigentlich vorgefallen ist, erklärt, daß sie nun leider ohne Speisewagen führen (Mitreisende, die sich in Sachen Mittagessen darauf verlassen hatten, machen lange Gesichter), und daß man leider nur bis Straßburg fahren werde. Wie es dann weitergehe, daran werde noch gearbeitet.

Peng. Sie beginnen zu ahnen, daß das nichts mehr werden wird. Tatsächlich endet der Zug in Straßburg. Man dürfe die Fahrt in einem TGV fortsetzen, der in etwa einer Stunde auf Gleis 1 fahre, so lautet die letzte Durchsage.

Es ist sogar einer der neuen TGVs, die ab Juni bis nach Deutschland fahren und die Fahrzeiten nach Paris um mehr als zwei Stunden verringern sollen. Das Design ist gelungen, nur: In einem TGV braucht man grundsätzlich eine Platzreservierung. Wenn Sie gedacht hatten, nun würde einer der geplagten Zugbegleiter der Deutschen Bahn sich mit seinen französischen Kollegen abstimmen und dafür sorgen, daß jeder Reisende aus dem ausgefallenen Zug einen noch verfügbaren Platz bekommt, haben Sie sich geirrt: Das müssen Sie alleine machen. Ein französischer Zugbegegleiter taucht auf, eine Liste in der Hand, aus der er immer wieder in rasendem Tempo die noch nicht vergebenen Plätze vorliest. Sie müssen Ihren Koffer noch dreimal umwuchten und einmal den Wagen wechseln, bis Sie endlich auf einem unanfechtbaren Platz sitzen.

Der TGV ist schneller als der ausgefallene Zug. Als er in Paris eintrifft, bleiben noch fünfundzwanzig Minuten bis zur Abfahrt Ihres letzten Anschlußzuges.

Sie stehen ganz vorne, als der Zug in den Bahnhof rollt, machen die Tür vorschriftswidrig früh auf, rennen los. Sie fahren zehn Leuten mit Ihrem Koffer über die Füße, rempeln Dutzende an, erreichen in traumhafter Zeit den U-Bahnhof, genau in dem Moment, in dem eine Bahn der Linie 4 einfährt. Besser hätte es nicht gehen können. Und trotzdem: Als Sie im Gare de Montparnasse ankommen, die Rolltreppen hochhetzen und, vor Schweiß tropfend, die Bahnhofsuhr sehen, ist der Zug schon seit fünf Minuten weg.

Das heißt, Sie müssen die Nacht in Paris bleiben. Mit einem Koffer voller Schmutzwäsche, die letzte einigermaßen akzeptable Garnitur am Leibe durchgeschwitzt bis auf die letzte Faser. Toll.

Sie schleppen sich zum Schalter, stehen an, lassen Ihr Ticket umbuchen auf einen Zug am nächsten Morgen. Dann suchen Sie sich ein Hotel. Rings um den Gare de Montparnasse stehen eine Menge Hotels; eine Nacht darin kostet 350 €, ohne Frühstück, versteht sich, das kostet nochmal 15 € extra. Doch Sie kennen von einer früheren Gelegenheit ein kleines Hotel ein paar Straßen weiter, nicht sonderlich komfortabel, aber Sie kommen mit 100 € davon. Und eigentlich gibt es ja weiß Gott Schlimmeres als ein Abend in Paris, oder?

Leider ist die Nacht kalt, die Bettdecke dünn und Ihr Husten am nächsten Morgen schlimmer. Egal, Hauptsache, es geht nach Hause. Im Zug dösen Sie, unterbrochen nur von Ihrem Husten und gestört von zunehmenden Kopfschmerzen. Vier Stunden später sind Sie endlich zuhause. Und vier Tage später sind Sie immer noch schwer erkältet.

Wohlgemerkt: Lesungen selber finde ich großartig. Das merkt man vielleicht auch daran, daß ich jeweils bis Mitternacht weiterklönen würde, würde mich der Veranstalter nicht sanft bremsen.

Es ist das Reisen, das an die Substanz geht. Und Reisen ist und bleibt ein Abenteuer. Der moderne Mythos, Entfernungen verlören in der heutigen Zeit an Bedeutung, entpuppt sich früher oder später als Illusion.

Wie die Lesereise sonst war? Das erzähle ich ein andermal. Jetzt muß ich erst mal wieder inhalieren gehen.

 

Nachtrag zum Januar-Wunschzettel

Taschenrechner, mit dem man auch Uhrzeiten addieren und subtrahieren kann.

Hier habe ich dazugelernt. Es gibt solche Taschenrechner durchaus, nur protzen sie nicht damit herum. Der Casio fx 331WA zum Beispiel beherrscht die "Sexagesimal-Rechnung", wie das heißt, die eigentlich Winkelmaße in Bogenminuten usw. berechnet, aber auch mit richtigen Stunden und Minuten rechnen kann, dito der Casio fx-991 WA. Wahlweise kann man auch zum Texas Instruments TI-30 ECO RS greifen, die Geräte kosten alle so um die 12-15 €. Und eine Innovation ist es auch nicht, denn 1977 konnte es schon der Casio CQ-1, der noch auf 8 Bit-Basis arbeitete.

Computer blitzschnell einschalten.

Ich hatte leihweise mal einen Notebook-PC, der "schlafen ging", wenn man den Deckel zuklappte, und ohne viel Gewese wieder "aufwachte", wenn man den Deckel wieder öffnete. Ich weiß nicht, ob es das noch immer gibt; es wäre jedenfalls ein Kaufargument gewesen.

Für Windows XP war eine "Sleep"-Funktion angekündigt, doch die erwies sich als indiskutabel, weil: Zuviel Heckmeck und Wichtigtuerei. Wenn ich in mein Arbeitszimmer zurückkomme und das Licht wieder einschalte, will ich auch nicht, daß mir der Lichtschalter sagt "Bitte gedulden Sie sich, während das Licht wieder eingeschaltet wird" und die Glühbirne dann mit allerlei Tam-tam hell wird. Oder?

Und nun habe ich auf der Lesereise Windows VISTA gesehen. Du meine Güte! Ich bin fast nach hinten umgekippt, als ich sah, womit wir nach dem Willen von Microsoft und mit unglaublichem Hardwareaufwand... im Grunde dasselbe tun sollen wie bisher, nämlich Dateien speichern, kopieren, Verzeichnisse anlegen und Programme aufrufen. Also, nein, irgendwann ist Schluß. Mit all dem Klicki-Bunti-Aufblitz-Geprotze hat VISTA ungefähr die ästhetische Anmutung eines tiefergelegten Opel Manta mit Flammenbemalung an den Seiten, barbusiger Amazone in Airbrush-Technik auf dem Kühler und Fuchsschwanz an der Antenne, und sowas kommt mir nicht auf den Schreibtisch.

Ich beherzigte den Ratschlag einiger Emails, die mir rieten, mir doch mal Apple-Rechner anzugucken, und guckte mir unterwegs mal Apple-Rechner an. Allen, die mir dazu rieten: Danke. Ich habe ja gar nicht geahnt, daß Computer auch so sein können. Danke auch an Microsoft, den Leidensdruck so weit erhöht zu haben, daß ich über den Zaun blicken mußte. Mein nächster Computer wird ein iMac.


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