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Erlesenes

 

Liebe deinen Aldi - Bisher fanden die Bundesdeutschen bei Albrechts nur sich selbst - Eine Warnung von Arnold Schölzel

Junge Welt vom 24.12.98

Der Jahreszyklus hat sich vollendet und wieder wurde in seinem Verlauf das Leben der Bundesrepublik von allerlei medialem Tand beschäftigt: Hier eine Wahl abgestandener Politik, dort eine schreiend grell aufgemachte Weltmeisterschaft, eine Winterolympiade, an die sich schon keiner mehr erinnert, die Welt lernte Monica, die Praktikantin, kennen, anderwärts fielen Bomben, und Rupert Neudeck erzählt immer noch fast jeden Morgen im Deutschlandfunk, daß im Kosovo nun die »Endlösung« bevorstehe. So kehrt das Überflüssige und Böse ewig wieder.
Das Leben der Deutschen war davon wenig beeinflußt, es drehte sich auch 1998 zuvörderst um Essen und Trinken, also um Aldi. Denn 90 Prozent der hiesigen Population tauchten irgendwann im Verlauf des Jahres in einer Verkaufsstelle von Theo (Aldi-Nord plus Osten) und Karl (Aldi-Süd) Albrecht auf, um sich Lebensnotwendiges und ein bißchen mehr zu verschaffen. Sie nahmen die Botschaft, die unter dem Rubrum »Aldi informiert« mittwöchlich in den großen Zeitungen des Landes erscheint, als eine der wenigen auf, die noch unter den Begriff »Information« gerechnet werden kann, und stellten sich geduldig in langen Schlangen vor Öffnung der Verkaufslokale an, um eine Feinbiber-Bettwäsche- Garnitur Komfortgröße, Bezug 155x220 cm, Kissen 80x80. 100 Prozent Baumwolle, DM 28,98 oder auch nur Brillenputztücher, 50er Packung, DM 1,79 zu erwerben. Es gab aber mittwochs weniger Hektik als im vorangegangenen Jahr, denn auch im Osten hat sich die Gewißheit ausgebreitet, daß Aldi nicht zu denen gehört, die kommen und gehen. Mit Gelassenheit erwartet das Publikum die jährliche Zuteilung der Party-Beleuchtung 16tlg. (gab es 1998 am 7. April), der Backmischung »Mutter Martha« (13. Mai), des Trolley- Koffers (17. Juni), des Kamera-Sets »Happy Smile (24. Juni) oder des Schneebesen-Sets (5. August). Nur einmal ging es in diesem Jahr hoch her. Als Aldi im November 200 000 Computer an einem Tag in der Bundesrepublik verkaufte, waren von Koblenz bis Flensburg fremdländisch aussehende und sprechende kräftige Männer früher da, die bis »9.13 Uhr« (»Bild«) alle PCs an sich genommen hatten. Das war die Ausnahme. Generell gilt: Aldi sorgt für Ruhe im Land, für die Gewißheit der Abgeklärten und für den Lebensrhythmus auch noch der Sozialhilfeempfängerin, die weiß, daß sie Anfang November neue, bezahlbare Kinder- Wachs-Wetterjacken erwerben kann. Deswegen ist die Bezeichnung dessen, was sich mittwochs früh in Deutschland abspielt, mit »buying fields« reichlich exaltiert. Hannes Hintermeier nennt das so in einem der beiden Grundsatzwerke, die 1998 über Aldi erschienen. Überhaupt ersetzt er Tiefe durch Munterheit und Analyse durchs Kalauern, etwa wenn er »Die Welt als Aldi und Vorstellung« zur Kapitelüberschrift macht. Aldi ist nicht aus der bunten Warenwelt, in der möglichst 18 Omo-Packungen in einem Laden angeboten werden müssen, damit es nach Vielfalt, also Reichtum aussieht. Niemand kennt einen Werbespot von Aldi, nur das geradezu Erhabene in einer Werbewelt voller Buntheit ohne Information: »Aldi informiert«.
Längst hat »der« Aldi, wie meine schwäbische Verwandtschaft sagt, die auch »beim« Aldi einkauft, Bahn und Post als Symbole deutscher Sekundärtugenden abgelöst, Lenin würde für die nächste Sowjetrepublik nicht mehr das Kursbuch der deutschen Bahn oder die Verwaltung der deutschen Post studieren - beides ist durch die sogenannte Privatisierung, einer Form von Schwachsinntherapie für ausgelutschte Bonner Hofschranzen, gründlich ruiniert -, sondern die Logistikprinzipien von Aldi-Süd (prinzipienfest am Standardsortiment von rund 600 Waren festhaltend, alle Verkaufsstellen mit Verladerampe, daher Lkw ohne solche) und Aldi-Nord (etwas sozialdemokratisch aufgeweicht, das Sortiment auf rund 750 Waren erweitert, Verkaufsstellen mit und ohne Rampe, daher flexibler). Aldi dreht das Rad am Grunde des bundesdeutschen Lebens.
Mitten im Markt sind wir also vom Sozialismus umfangen? Nein, Aldi ist nicht das Schöne, Gute und Wahre - wo wäre das in der Bundesrepublik zu erwarten -, sondern ein Teil der materiellen Verhältnisse, nicht Überbau, sondern Basis sozusagen. Aber mit dem ästhetischen Charme der frühen Jahre Westdeutschlands - so paternalistisch wie Adenauer, so schnittig wie ein Goggomobil und in bezug auf Dauerhaftigkeit so verläßlich wie die Katholische Kirche.
Aldi, so erfährt der Leser nun aus dem Buch von Dieter Brandes, ist das Prinzip des Nachkriegskramladens auf erweiterter Stufenleiter: Das Sortiment ist rationiert - eine Sorte Pflaumenmus 450 g und nicht drei, eine Sorte Magerquark 500g und nicht zig Abpackungen, Schlesische Gurkenhappen 580 ml und noch ein paar Gurken mehr. Theo Albrecht sinnt selbst darüber nach, wie die Kundendrehkreuze in seinen Geschäften konstruiert sein müssen und sein Kontrollsystem geht ins Detail - bei Aldi wird überprüft, ob die Toilettenpapierrolle tatsächlich 200 Blatt hat. Aldi funktionierte wie Toyota, lange bevor dessen Produktionsprinzipien in den 90er Jahren von Soziologen, Betriebswirtschaftlern und Unternehmensberatern weltweit als der letzte Schrei gepriesen wurden. Theo und Karl kamen stets ohne Unternehmensberater, »Benchmarking« oder »direkter Produktrentabilität« aus, ohne »Crossdocking« und »Efficient Consumer Response«, oder wie auch immer die in Harvard erarbeiteten Handelskonzepte heißen, die ohnehin nichts einbringen, und sie betrieben »Kaizen« - in der DDR hieß das »Neuererwesen« -, lange bevor die doofen Konkurrenten drauf kamen. Aldi ist offiziell föderal wie die Bundesrepublik organisiert und wird letztlich auch nur von jeweils drei Leuten gesteuert, über die Gesamtbilanzen gibt es nur Vermutungen (bei 3 200 Geschäften im In- und rund 1 500 im Ausland rund 35 Milliarden DM Umsatz im Jahr), und das Vermögen der Albrecht-Brüder wagt nur Forbes zu schätzen, und da liegen sie weltweit ziemlich oben. Genau wie im Staat BRD haben die Gewerkschaften wenig zu sagen - es gibt keinen Gesamtbetriebsrat, weil es auch keine Holding gibt -, aber die Aldi-Kassiererinnen, behauptet Brandes, können die höchsten Branchenlöhne bekommen - bis zu 5 000 DM monatlich.
So könnte sich das Leben in der Bundesrepublik weiter ruhig gestalten, aber nun soll Gefahr drohen. »Wal-Mart«, ein amerikanischer Handelskonzern, der größte der Welt, so meldete »Bild« gerade mit höchstem Alarm, denke daran, Aldi zu kaufen. Der »Spiegel« schloß sich an und entwarf eine Horror-Story: Grüßauguste stehen an den Eingängen, und Verkäuferinnen, die verpflichtet sind, Kunden auf Sonderangebote hinzuweisen, wenn die sich ihnen auf drei Meter nähern, nerven den Käufer, der vielleicht auf der Suche nach Natur-Blumendünger ist. Von plärrender Musik, drei verschiedenen Sorten Pflaumenmus und Omo in 24 Abpackungen ganz zu schweigen. Solange es Aldi gibt, haben weder Gewerkschaften noch die Revolution in der Bundesrepublik eine Chance. Das könnte sich ändern.

Aldi macht Karriere bei "der Süddeutschen"

Süddeutsche Zeitung vom 27.2.99

Hermann Unterstöger
Der Zauber steinzeitlicher Direktheit
Das Geheimnis hinter dem Erfolg von Aldi – Eine Art Wanderung durch den Einzelhandel
Als vor knapp drei Jahren ein Kochbuch mit dem Titel Aldidente erschien, mochte mancher die Verrücktheit der Welt für abgeschlossen halten. Kochen nur mit Waren von Aldi – auch ein Konzept! Mittlerweile ist klar, daß der Wahnsinn in einem Maß ausbaufähig war, wie dies keiner vermutet hätte. Dem Kochbuch folgten oder werden folgen: der Aldidente Schnäppchen-Planer, die Sammlung Aldidente Leser kochen, das Kinderkochbuch Aldi Piccoli, die Aldi-Diät, die mit dem Namen Aldi aufs köstlichste spielenden Werke All die Jahre wieder und All die Geburtstage, das Opus Gourmaldi de Luxe und anderes Vergleichbares mehr.
Versteht sich, daß man derlei auch, ja vor allem im Internet findet, etwa auf der von einem Alexander Behrend betriebenen Aldi-Page. Darauf wird zum Beispiel der Artikel „Aldidente, 1 CD-ROM in Jewelbox“ nicht nur genannt, sondern auch kommentiert, und zwar so: „Hübsch gemachte Adaption des Kult-Buches aber für 30 Mark eigentlich nur was für Fans.“ Auf einer weiteren Seite rät der Aldi-Fan-Club unerfahrenen Käufern, sich im Laden zusammenzurotten: Man fühle sich psychisch und physisch stärker und sei „gegen Angriffe hysterischer Rentner besser gewappnet“. Hier kann sich der Aldianer mit seinesgleichen austauschen. Hilferuf aus dem Raum Kelheim, 20. Januar, 8.09 Uhr: „Ich suche den St. Benedikt Hustensaft, der ist nämlich supergut.“ Gruß aus den USA, 9. Januar, 22.23 Uhr: „Peace and low prices be with you.“
Annäherung an das Kultige
Wie dies alles mit der Wirklichkeit zusammengeht, ist rätselhaft. Ein durchschnittlicher Einkauf bei Aldi (ohne Zusammenrottung bewerkstelligt, gewissermaßen im Einzelkampf) kostet 13,61 Mark, dafür hat man acht Artikel in der Tasche, den billigsten für 0,89 Mark, den teuersten für 2,98 Mark. Die low prices sind gewiß mit uns – aber was soll dabei der Friede? Der ist durch keinen der Artikel gefährdet, weder durch den Frischkäse („zartkörniger Frische-Imbiß“) noch durch die Westfalenhof-Teewurst („feinzerkleinert“) noch durch das Klopapier Kokett (34 Meter pro Rolle, „weich, zart und hygienisch“). Allenfalls die Schaumküsse von Dickmann’s („die Echten in der Frischebox“) könnten zu Mißhelligkeiten führen; das wäre dann aber ein Unfriede im Kreis der Familie, bezogen aufs Gewicht und die generelle Zulässigkeit von Leckereien, also nichts Aldi- oder gar Schaumkuß-Immanentes. Welche Nachtigall ist es demnach, die man da so überdeutlich trapsen hört? Es ist, wie nicht anders zu vermuten, die „Kult“-Nachtigall, einer der häufigsten und lästigsten Vögel im Wald der Gegenwartsphänomene. „Wo i geh und steh“ (Erzherzog-Johann-Jodler), wallt und wabert es von Kult. Levi’s-Hosen sind „Kult-Jeans“, der Sender Charivari gilt als „kultig und publikumsnah“, Willy Astor nennen sie einen „Kult-Humoristen“, und der Bund der Deutschen Katholischen Jugend kam kurzerhand mit der Parole „Katholen sind Kult“ heraus. Inzwischen ist der Kult oft schneller als das Ereignis, das ihn eigentlich bedingen und auslösen sollte: Der Film „Lola rennt“ war noch nicht in den Kinos, da war Franka Potentes Auftritt darin laut Brigitte „schon Kult“.
Längst geht die herrschende Lehre dahin, daß der Einkauf bei Aldi „schlicht kultig“ ist. Der Spiegel jedenfalls zitierte den Trendforscher Matthias Horx einmal so, und wenn man fünf beliebige Akademiker zu diesem Thema befragte, würden vier von ihnen zur Antwort geben, daß sie ihre Grundbedürfnisse bei Aldi decken. Drei würden vielleicht sogar sagen: „Ach wissen Sie, Aldi hat einfach was.“ Nun ist Horx einer, der schon im Interesse seines Jobs mit Kultzuweisungen schneller als andere zur Hand sein muß. Billigt man ihm dennoch zu, daß er nicht flunkert, so lauten die weiterführenden Fragen: Wie ist, nach Abzug einer vermuteten Horx’schen Überetikettierung, der Kult um Aldi beschaffen? Wer macht ihn, wer unterliegt ihm? Und: Was „hat“ Aldi eigentlich, von Waren einmal abgesehen?
Eine erste und vermutlich nicht völlig abseitige Vermutung: Man weiß ganz sicher, wer den Kult nicht macht, nämlich die Firma Aldi, und genau diese Enthaltsamkeit ist Teil und ständiger Treibstoff des Kults. Jedermann kennt Geschichten über eine bis an die Grenze der Existenzverneinung reichende Öffentlichkeitsscheu der Brüder Albrecht: kaum ein Photo von ihnen, kaum jemand, der sich rühmen kann, den Herren je begegnet zu sein. Verbreitet auch eine Schnurre im Zusammenhang mit der Entführung Theo Albrechts anno 1971, der zufolge die Kidnapper angesichts des Outfits ihres Opfers zunächst dachten, sie hätten den Buchhalter erwischt, und erst durch den Personalausweis eines Besseren belehrt werden konnten.
Was für Mini-Dickmann’s die Frischebox, das ist für solche Details das Buch Die Aldi-Welt des Journalisten Hannes Hintermeier. Der Autor hat sich (für einen Feuilletonisten, der er ist) überaus sachkundig gemacht, und er erzählt die Saga der zwei seltsamen Discounter mit ersichtlicher Laune. Willig folgt man ihm in die Filialen seines Vertrauens, mag sein Weg durch die Regale nun im oder gegen den Uhrzeigersinn gehen. Probleme bekommt man allenfalls, wo Hintermeier dem in ihm verborgenen Dichtergaul freien Lauf läßt. Das führt zu kuriosen, manchmal schier expressionistischen Exkursen, die dem von Hintermeier sonst keineswegs favorisierten Kultigen denn doch wieder den einen und anderen Einschlupf öffnen.
Besieht man die Dinge so nüchtern wie der vormalige Aldi-Manager Dieter Brandes, so läßt sich fast kein anderer Schluß ziehen als der, daß Aldi per se weder kultisch noch mythisch noch sonstwie geheimnisvoll ist. Was den Laden so erscheinen läßt – in den Augen von Leuten wenigstens, denen es ein Bedürfnis ist, den Ort ihrer Sparkäufe in einem verklärenden Licht zu wissen – , ist wahrscheinlich nur die Nüchternheit des darin obwaltenden Geschäftsprinzips: eine gewissermaßen steinzeitliche Direktheit und Kargheit, die in Zeiten des kundenfängerischen Firlefanzes in der Tat so etwas wie einen Zauber auszustrahlen geeignet sein könnte.
Brandes belegt diesen Stil mit einer Fülle von Details, die man, so kauzig sie sich gelegentlich anhören, der übrigen Geschäftswelt gern ans Herz legen möchte. Sie reichen von der oft und oft kolportierten Manie Theo Albrechts, das Licht auszudrehen, wenn es durchs Tageslicht hell genug ist, und bereits beschriebenes Papier auch hinten zu beschreiben, über die Abneigung, von Controllern Zahlenfriedhöfe einrichten zu lassen, bis hin zu dem Umstand, daß man Personalentscheidungen ohne großes Trara über die Bühne bringt: Brandes selbst erfuhr von seiner Berufung in den Vorstand der Theo-Albrecht-Stiftung, als er mit Theo Albrecht pinkeln war.
Es muß also die Liebe zu Aldi aus zwei Komponenten bestehen, was sie möglicherweise auch so zäh macht wie einen Zwei-Komponenten-Kleber. Die eine Komponente wäre das Vertrauen, daß man von Händlern nicht ohne Not übers Ohr gehauen wird, die einerseits schrullig und knickrig sind, auf denen andererseits aber ersichtlich ein Segen ruht, wie ihn der Himmel für solche Leute wohl gern im Sortiment hat. Es ist dies ein Vertrauen, wie man es, vom rustikalen Zubehör oft mehr geblendet als vom Angebot, in Großstädten oft auch den Bauernmärkten entgegenbringt. So gesehen, ist Aldi dem Bundesnährstand zuzuzählen, nur daß auf seinen Äckern eben auch Computer wachsen, die man wie Kartoffeln lieber daheim einwintert, als daß man sie, bei Stückpreisen von 1998 Mark, im Laden verderben ließe.
Die andere Komponente zu beschreiben, ist riskanter. Es handelt sich um die anerkannt günstigen Preise, und da will man schließlich Leute, denen ihre beengten Lebensumstände keine andere Wahl als Aldi lassen, nicht als Geizhälse hinstellen. Obwohl: Auch in beengten Verhältnissen kommt es immer wieder vor, daß für ein neues Auto 30 000 und mehr Mark verfügbar sind, während bei Butter, Obst, Brot und anderen Gütern des täglichen Überlebens die Laus um den Balg geschunden wird. Das Mißverhältnis ist, zum Leidwesen der auf völlig lächerliche Erzeugerpreise zurückgeworfenen Landwirtschaft, grotesk und gespenstisch. Es ist um so gespenstischer, als die Knauserei das ganze Land im Griff hat. Selbst die Wohlhabendsten versorgen sich bei Aldi zumindest mit Getränken. Sie können mittlerweile auf eine gesellschaftliche Konvention bauen, die es ihren Gästen gebietet, noch den letzten Sauerampfer genießerisch schnalzend wegtrinken, wenn vorher nur verkündet wurde: „Der Gavi ist übrigens vom Aldi, vier achtundneunzig die Flasche.“
Es gibt noch andere Gründe, immer wieder bei Aldi einzukehren. So könnte der Fall eintreten, daß man es irgendwann nervlich nicht mehr schafft, zum quasi angestammten Tengelmann zu gehen, weil die dort sich offenkundig verschworen haben, genau zur Haupteinkaufszeit alle Durchgänge mit Paletten zu verbauen, ohne daß jemand Anstalten machte, die Ware in die Regale zu räumen. Bei Aldi ist einem dergleichen nie unterlaufen. Es könnte aber, andersherum, auch sein, daß man die Feinkostabteilung im Kaufhof eine Zeitlang meiden muß, weil man’s auch hier nervlich nicht mehr schafft, daß man zwar den Standort aller zwanzig oder dreißig Delikateß-Eiernudeln kennt, nach wie vor aber das Salz nicht findet. Bei Aldi findet man es, und das Nudel-Sortiment ist ausgesprochen übersichtlich. Außerdem gibt es weder bei Tengelmann noch im Kaufhof Leute wie den Herrn K. in der Aldi-Filiale H. Der rügte einmal eine ältere Dame, die mit offenen (also der Belegschaft vorbehaltenen) Zwiebeln den Kassenbetrieb aufhielt, so hart und dennoch freundlich, daß sie letztlich ebenso beglückt war wie die Schlange der Wartenden, denen K. bei dem Anschiß schelmisch zuzwinkerte.
Martialische Reden
Augenblicklich ist es just dieses Zwischenmenschliche, das die Branche umtreibt wie lange nichts mehr. Der Grund dafür ist die Invasion des amerikanischen Handelsriesen Wal-Mart, dem der Ruf vorauseilt, auch in Sachen Service und Freundlichkeit ein Gigant zu sein. Das hat zu einer Irritation geführt, weil beide Tugenden hier, in der fast sprichwörtlichen Service-Wüste Deutschland, ziemlich heruntergekommen sind. Wie beim Menschen der Kummer oft durch exzessives Essen kompensiert wird, so hat die Irritation beim Einzelhandel ein großes gegenseitiges Fressen ausgelöst – oder jedenfalls einen gewaltigen Übernahmehunger.
Kürzlich richtete der Landesverband des Bayerischen Einzelhandels zusammen mit der renommierten Lebensmittelzeitung in München ein Symposium zu diesem existentiell bewegenden Thema aus. Der Festsaal des „Bayerischen Hofes“ hallte nur so wider von martialisch anmutenden Reden. Ob der von Metro in aller Eile aufgebaute Westwall den Riesen Wal-Mart würde aufhalten können, fragte man, und ein anderer Referent verriet den verängstigten Einzelhändlern, daß dieser „Schwarze Ritter“, der zuhause alle besiegt habe, auch verwundbar sei – man müsse nur seine Stärken kennen, dann wisse man, wo anzusetzen sei. Es zeigte sich, daß Wal-Marts Stärken von ähnlich simpler Genialität sind wie die des Hauses Aldi. Um nur ein Exempel zu nennen: Die Angestellten beachten die „Zehn-Fuß-Regel“, nach der sie verpflichtet sind, jeden Kunden, der ihnen auf etwa drei Meter nahekommt, zu fragen, ob sie ihm helfen können.
Es wurde bei dieser Gelegenheit auch ein Video vorgeführt, das den Firmengründer Sam Walton zeigt, wie er nach einer gewonnenen Wette auf der New Yorker Wall Street Hula tanzt. Wie immer der Einzelhandel im allgemeinen und Aldi im besonderen auf die Herausforderung Wal-Mart reagiert: Tanzen werden die Brüder Albrecht nicht.
SZonNet: Alle Rechte vorbehalten - Süddeutscher Verlag GmbH, München

Aldi beim STERNonline vom 14.01.99 - natürlich nicht ohne mich ...

Hier geht's zum Original ... - aber was wollen Sie dort?

Am Aldi-Wesen wird die Welt genesen
Allwöchentlich am Mittwoch wird jede regionale Zeitung in Deutschland mit einer Anzeige beglückt. Obwohl diese Werbeoffensive stets mehr oder minder unverändert im Look der frühen sechziger Jahre daherkommt, führt sie bei Millionen preisbewußter Konsumenten regelmäßig zu einer schweren Kaufattacke, denn am Mittwoch beginnt die Aldi-Woche.
An diesem Tag geben die blauen Märkte nämlich bekannt, was man bei ihnen gut und günstig erstehen kann. Der Internet-Auftritt der Firma erlaubt es dem surfenden Aldianer allerdings, sich schon am Wochenende darauf zu freuen, was er am nächsten Mittwoch vielleicht ergattern kann.
Online-Reservierungen für begehrte Schnäppchen wie die Aldi-Computer sind zum Glück nicht vorgesehen, sie würden den Aldianer schließlich um das Vergnügen stundenlangen, nächtlichen Anstehens vor der Ladentür bringen.
Solche Opfer, die Ältere an die Nachkriegszeit gemahnen, bringen viele willig, denn Aldi verspricht mehr als nur billiges Einkaufen, die Märkte mit dem Trash-Appeal garantieren ein einzigartiges Einkaufserlebnis. Wo andere Unternehmen Marmorböden verlegen und arrogante Verkäuferinnen mit hochnäsigen Gesichtszügen engagieren, sparen die Brüder konsequent. Ihre Discountläden erinnern an Kartonverwahranstalten mit der Ausstrahlung einer Legebatterie. Kein Wunder also, daß das Vermögen der Gebrüder Aldi auf etwa 20 Milliarden Mark taxiert wird.
Mit diesen Rücklagen hat sich Aldi längst angeschickt die Welt mit dem deutschen Aldi-Wesen zu beglücken. Als Beweis für die weltumspannenden Aktivitäten mögen Aldi-Chicago und Adi-Iowa genügen.
Dem kultigen Billigheimer widmet sich auch die Fanpage von Alexander Behrend. Die Site präsentiert sich formvollendet in der strengen Optik, die man aus den Filialen gewohnt ist. Herr Behrend gibt hilfreiche Tips, wie der Aldianer sein Bestes zur zügigen Abfertigung an der Kasse tun kann (Einkaufswagen rechtzeitig umdrehen!), dagegen hält er das bei Aldi-Rentnerinnen beliebte Nachrechnen des Kassensbons für einen unzumutbaren Mißtrauensbeweis gegen die tapferen Verkäuferinnen des Giganten. Seine Tips für "Gaumenfreunden" (darunter das "Aldi-Schlemmer-Brötchen") werden freilich eher einen Sparfuchs als einen Gourmet erfreuen.
Andere Fans bekennen sich mit "Sechs Gründen, bei Aldi zu kaufen" offensiv zum Discounter ihrer Wahl. Selbstverständlich gibt´s auch ein inoffizielles "Aldi-Lied" und Elegien zum Thema.
Fazit: Von solchen Kunden können andere Geschäfte nur träumen!

Aldi-Songs

für ganz hartgesottene Fans und Gegner ...

Stand 19.1.99  

Geliebter Aldi?

Wer steht in der Kundengunst ganz oben - logisch: ALDI ... Sowohl im Osten wie im Westen von DeutschEuroLand. Überraschend allerdings, daß es im Westen viel eindeutiger ist (lt. einer Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung): fast jeder zweite Wessi kauft bei Aldi am liebsten (48,4%), bei den Ossis sind es "nur" jeder dritte (30,5%); beides Mal ist das jedoch der Spitzenplatz - vor Edeka (West, 25,4%) bzw. Lidl und Kaufland (Ost, 26,7 bzw. 24,9%).
Focus-Magazin 18.1.99 S. 15  

Aldi als Paradigma der Volkskirche

Alexander Behrend zum Thema ALDI und Volkskirche:
Durchaus auch ernst gemeinte Seitenblicke aus der Sicht eines volkskirchlichen Pfarrers auf ein konsum-soziologisches Phänomen.
Ein Thesen-Papier
Stand 13.4.98  

ALDI-Tüten - nationalistisch eingesetzt

Dietrich Schulze-Marmeling, Autor eines Buches über den FC Bayern München, über den Verein und Rechtsextremismus:
Frage Zu den Schlagzeilen, die der FC Bayern in den letzten Wochen machte, gehört ja auch die sogenannte Alditüten-Aktion. Beim Championsleague-Spiel Mitte September gegen Besiktas Istanbul wurden lauter Plastiktüten hochgehalten und dazu gesungen: "Ihr könnt zum Aldi fahren". Auch das ist doch ein Hinweis, daß der FC Bayern ein Problem mit rechten Fans hat, oder?
DSM Selbstverständlich hat er ein Problem damit. Nach dieser Alditüten-Aktion gab es ja von Manager Hoeneß eine Erklärung, die sich eher so anhörte, als sei der Firma Aldi ein Schaden entstanden. Gleichwohl gibt es Hinweise darauf, daß über Fan-Betreuer Aumann und Manager Hoeneß auf die Fans, die diese Aktion initiiert haben, eingewirkt wurde, damit sie beim nächsten Spiel ein Transparent mit der Aufschrift "Entschuldigung, Besiktas Istanbul" aushängen.
Jungle World 45/1997 (November 97)  

ALDI und die Kunst

Wenn ein Künstler Albrecht heißt: "Kunst-Fehler"
Der Berliner Künstler Mark Albrecht, 29, schon als Kind "Aldi" genannt, signiert seit sechst Jahren seine Werke mit diesem Kürzel. Zudem hat er es beim Patentamt als Markennamen für "Künstlerische Aktivitäten" schützen lassen. Die Ladenkette Aldi reagiert gereizt und klagte auf Unterlassung. Die Forderung: sollte Albrecht die Marken-Anmeldung nicht zurücknehmen, werde ihn jede weitere Aldi-Signatur 1001 Mark kosten.
Meldung aus: FOCUS-Magazin 31/1998,60 (27.7.98)  

Mein Geburtstag mit Aldi

Meine Erzieherinnen aus unserem Kindergarten outen mich beim Sommerfest '98 als ALDI-Fan:

... man beachte die ALDI-Aufschrift auf dem Monitor ...
 
ALDI die Kinder, die hier sind,
ALDI Blumen wunderschön,
ALDI Erzieherinnen groß und klein,
Eltern - ALDI stimmen ein;
 
wünschen jetzt in dieser Stunde,
ALDIweil in froher Runde,
zum Geburtstag alles Gute
und was unter diesem Hute
ist von nun Ihr Eigentum -
und von ALDI rundherum!
 
Lieber Herr Behrend,
in diesem Sinne wünschen ALDI Erzieherinnen vom Rosmarinchen von ganzem Herzen alles Gute zum Geburtstag!

 
Weitere ALDI-Gedichte:
im Netz hier und da zu finden ...
 

MAX goes Aldi

Auch Mäxchen interessiert sich für Aldi...
... und bringt Auszüge aus dem Buch von Hintermeier:
Fakten, Fakten, Fakten - 10 x Aldi
  1. Jede vierte Mark, die in Deutschland für Lebensmittel ausgegeben wird, landet in den Kassen der Gebrüder Albrecht.
  2. Für jeweils 27.000 Bundesbürger gibt es eine Filiale, insgesamt sind es 2900.
  3. Tatsächlich sind zwei von drei Deutschen Aldi-Kunden.
  4. Die Keimzelle des Imperiums findet sich im Essener Bergarbeitervorort Schonnebeck. Dort hatte Anna Albrecht ein kleines Lebensmittelgeschäft - jener Typ Tante-Emma-Laden, dem ihre Söhne später beherzt den Garaus machten.
  5. Auf der Forbes-Liste der reichsten Menschen der Welt liegen die Albrechts mit gut 20 Milliarden Mark Privatvermögen auf Platz elf.
  6. Aldi spart an Angestellten: Üblicherweise liegen die Personalkosten im Handel bei 17 bis 20 Prozent vom Unsatz - bei den Albrechts sind es drei Prozent.
  7. Die Diebstahlsquote ist bei Aldi verschwindend gering. Das Personal paßt sehr gut auf: Wer einen Ladendieb ertappt, bekommt eine Prämie.
  8. Daß Eier bei Aldi so billig sind, hängt damit zusammen, daß Theo Albrecht auch Hühnerbaron ist und 120.000 Hühner besitzt.
  9. Obwohl Aldi nur einen Bruchteil seines Umsatzes von geschätzten 30 Milliarden Mark mit Kleidung macht, gehört der Discounter zu den zehn größten deutschen Textilhändlern.
  10. Aldi ist kein Armeleuteladen: Nicht mal 20 Prozent der Einkäufer sind einkommensschwach.
MAX vom 28.4.98 (5/98,25)
Hannes Hintermeier:
Die ALDI-Welt. Nachforschungen im Reich der Discount-Milliardäre.
Karl Blessing Verlag, München 1998. ISBN 3-89667-050-6. DM 39,90
 

Immer mehr outen sich: "Auch ich bin ALDI-Kunde!"

Von Rainer Praetorius:
Was waren das doch für Zeiten. Früher wurden breite Bevölkerungsschichten diskriminiert, nur weil sie dabei gesehen wurden, wie sie bei einem bekannten Discounter einkaufen gingen. Doch ALL DIes ist nun vorbei. Immer mehr Banker, Direktoren und andere sogenannte Besserverdienende bekennen öffentlich: äJa, ich habe bei ALDI gekauft!"
wdr Servicezeit vom 05.12.97  

Aldi und Harald Schmidt

Aus der Harald-Schmidt-Show:
"PLUS - für alle, denen Aldi zu snobistisch geworden ist!"
SAT1 am 23.4.98  

Aldi und das Ozonloch

Ozon- und Klimakiller raus aus Supermärkten!
Erster Erfolg für Greenpeace: Neue Aldi-Märkte kühlen umweltfreundlich

In über 50 Städten protestieren heute und am Samstag Greenpeace-Aktivisten bundesweit in Supermärkten gegen die Verwendung ozon- und klimaschädlicher Kühlmittel. ... Der Greenpeace-Protest der letzten Wochen zeigt bereits erste Erfolge: Auf Drängen der Umweltschützer erklärte sich Aldi Süd als erste Handelskette bereit, künftig in allen neuen Supermärkten nur noch mit ozon- und klimafreundlichem Propan zu kühlen. Aldi ist die viertgrößte deutsche Supermarktkette.
greenpeace-Pressemeldung vom 08.03.96  

ALDI als Synonym für Armut

Oskar Lafontaine zum Thema ALDI:
"Wir wollen die Aldi-Kundschaft entlasten und nicht die Rolex-Träger."
... der muß es ja wissen ...
im Januar 97 (Rheinischer Merkur 4/98)  
Familien und Armut:
ABGABEN: Wer Kinder hat, den trifft die Erhöhung der Mehrwertsteuer am härtesten. Der STERN hat die tatsächlichen Abzüge von drei Familien ausgerechnet
Wer sich leicht ärgert, sollte hier nicht weiterlesen. Es geht ums Geld, um Steuern, Gebühren und Abgaben. Dieses Thema verdirbt einem die Laune. Gründlich. So war es auch bei Regine Schwark, einer alleinerziehenden Mutter aus Kiel. Mit der flachen Hand schlug sie auf den Küchentisch, daß die Kaffeebecher tanzten. 'Sauerei', rief sie. 'Ich kaufe nur bei Aldi, die Kleine und ich, wir leben voll auf Sparflamme und von den ganzen Geldsorgen schlafe ich schon schlecht.'
STERN 2.4.98 (226)  
Nochmals - Familien-Armut:
Facharbeiter Mans-Peter Bucholz und seine Familie sind tagtäglich absturzgefährdet: Das Geld reicht kaum, und der Job ist nicht sicher
»Denn Maxdorf hat einen entscheidenden Nachteil«, sagt Frau Bucholz. » Es gibt keinen Aldi. Und ohne Aldi kommen wir nicht rum.«
STERN 20.2.97 (91)  

Ökonomisches

Forbes: Gates reichster Mann der Welt
New York (dpa) - Bill Gates hat seine Position als reichster Mann der Welt mit einem geschätzten Vermögen von 51 Milliarden Dollar (91 Mrd. DM) verteidigt.

Das US-Wirtschaftsmagazin «Forbes» führt den 42jährigen Microsoft- Chef zum vierten Mal in Folge als Spitzenreiter seiner Liste der 200 Reichsten der Welt. Gates' Vermögen stieg durch den Höhenflug der Microsoft-Aktie in einem Jahr um 40 Prozent. Als reichste Deutsche führt «Forbes» die Eigner der Einzelhandelskette Aldi, Theo und Karl Albrecht und ihre Familien, mit einem Vermögen von insgesamt 11,7 Milliarden Dollar auf Rang zehn.
... Zugelassen waren nur «arbeitende Milliardäre», die selbst verdienen oder mit ererbten Vermögen weiterarbeiten, erklärte das Magazin. ...
dpa-Meldung - veröffentlicht in den Zeitungen vom 22.6.98 sowie im Spiegel-Magazin vom selben Tag  
Auch die Schweiz steht vor der «Aldisierung»:
Aldi ist nicht nur der erfolgreichste Discounter Europas, sondern auch das grosse Vorbild von Denner und Billi, die die Strategie der Deutschen auf die Schweiz übertragen haben Aldi ist der erfolgreichste Lebensmittelhändler Europas. In seinem Sog rollt eine Discountwelle über die Lande und macht den herkömmlichen Detailhändlern das Leben schwer. Die Schweiz ist in bezug auf Discount noch ein Entwicklungsland, doch aufgepasst: Die «Aldisierung» ist bereits in vollem Gange. Armin Müller 3200 Läden, 34 Milliarden DM Umsatz allein in Deutschland, seit den siebziger Jahren regelmässig zweistellige Wachstumsraten, Jahr für Jahr schätzungsweise 1 Milliarde DM Gewinn — Aldi ist die wohl grösste Erfolgsgeschichte im Nachkriegsdeutschland. Die Brüder Theo (76) und Karl Albrecht (78), die vor 50 Jahren praktisch aus dem Nichts starteten, gehören heute zu den reichsten Männern der Welt. Doch Jubiläumsfeierlichkeiten wird es keine geben: Zum einen sind die Albrechts noch sparsamer als ihre Kunden, zum andern geschäftet Aldi seit je unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
1961 haben die beiden Brüder ihr Reich aufgeteilt: Theo Albrecht übernahm den Norden, Karl den Süden Deutschlands. Alle Informationen, Leistungs- und Kostenzahlen werden aber ausgetauscht, teilweise wird auch gemeinsam eingekauft. Nachdem ihnen Deutschland zu klein geworden ist, expandieren die Albrechts ins Ausland: Rund 1500 Läden betreiben sie mittlerweile in Holland, Dänemark, Belgien, Frankreich, Österreich, England und den USA. Die Schweiz ist zwar noch nicht «Aldiland», doch der Discounter steht an der Grenze: Ein Riegel von mindestens 21 Aldi-Filialen in Grenznähe schöpft kräftig Schweizer Kaufkraft ab (siehe Artikel nebenan). Angelockt werden die Schweizer Kunden mit wöchentlichen ganzseitigen Anzeigen in den Regionalzeitungen.
CASH - Die Wirtschaftszeitung der Schweiz Nr. 15/1998 (9.4.98)  

Aldisierung - Trendforschung

"Aldisierung":
Als Teil der Rezessionskultur bezeichnet Aldisierung das "Downtrading" in weiten Teilen des Handels, besonders im Lebensmittelsektor. Aldisierung bedeutet, daß auch Mitglieder der oberen Schichten und des Mittelstandes nach dem Billigsten suchen und nur (etwa bei Aldi) Sonderangebote kaufen.
Matthias Horx: Trendwörter von Acid bis Zippies; ECON Düsseldorf u. a. 1994, 18  
Warum sich Intellektuelle und Künstler für den Volkssport Fußball interessieren:
Trendforscher Matthias Horx hat es schon immer gewußt: "Champagner von Aldi und Currywurst werden wieder akzeptiert." Die Reichen Armen ernähren sich mittlerweile von Recession Food. No Names dominieren das Warenangebot. Die Konfetti-Generation der Twentysomethings kleidet sich mit No-Label-Labels. In den Großstädten entstand eine neue Spezies, "die an Lebenssinn und biographischer Reibung interessiert ist" (Horx), die sogenannten Limer (Less income more experience). Der Bratkartoffel-Trend (Weg vom Lachs, hin zum Eintopf) verwandelte die Yuppies in Grumpies. Der Fun-Switchs überdrüssig, fanden die Zippies (Hippies mit Reißverschluß, besondere Kennzeichen: Anfälle von Optimismus) ein neues Thrill-Potential, die Credibility. Wer etwas gelten will, muß Cred haben. Kurzum: Der Trend der Aldisierung hat die Gesellschaft verändert und endlich auch die Intellektuellen und Künstler erreicht. Ohne Social Sponsoring keine Sozialhilfe. Raus aus den Bibliotheken, Theatern und Museen, und rein ins Fußballstadion, diesem New Edge der Luxese (Akronym aus Luxus und Askese), wo die am Erdnuß-Effekt (Konsumzwang) leidenden Fruppies längst siedeln.
Jungle World 8.4.98  
Geiz und Armut - oder: Aldisierung?
Plötzlich darf man. Plötzlich gilt der säuerliche Geruch als lebensnah und die Nahkampf-Atmosphäre als Abenteuer. Auf einmal ist der eingeschweißte Käse praktisch und der Kaffee genießbar. Plötzlich darf man bei Aldi kaufen. Man muß sogar. ... Alles Quatsch. Aldi ist kein Lebensgefühl, zumindest keines, das man gern hätte. Der derzeitige Boom ist der Hype einer Kultur-Schickeria, die alles schon ausprobiert hat und nun allein ist mit sich und der Sehnsucht nach Kargheit und Ursprünglichkeit. ... Oft ist auf all den Seiten von "neuer Bescheidenheit" die Rede. "Neue Bescheidenheit" klingt erbaulich und tarnt zwei altmodische Begriffe: Geiz und Armut. Dabei unterscheidet sich das eine vom anderen durch die Möglichkeit zu wählen. Der Geizige hat Alternativen. Der Arme nicht.
SPIEGEL ONLINE 15/1998  
Geizhälse:
"seit Lachsfilet von Aldi in den besten Familien vorkommt, fühlen sie sich als 'moderne Trendsetter'. 'Wir Geizhälse ...
STERN 12.6.97 (158)  
Jahrelang als Skandalmacher geächtet, jetzt Regisseur an der Wiener Burg: Einar Schleef:
SCHLEEF: Ich esse Aldi und meine Klamotten sind Bilka. ...
STERN: Ihre Freunde sagen, Sie würden auch noch bei Aldi kaufen, wenn Sie Lotto-Millionär wären.
SCHLEEF: Ich habe meinen Lebensstandard zu lange durchhalten müssen. Da ist eine Prägung eingetreten. Die Luxusvorstellungen sind einfach irrig geworden.
STERN: Was ist Luxus für Sie?
SCHLEEF: Bewegung und Raum, also Platz, Quadratmeter. Aldi-Essen ist okay, aber Hundehütte nicht.
STERN 18.12.97 (110)  

ALDI = billig ...

ALDI wortschöpferisch:
  • Highspeed-Web zum Aldi-Preis? online today 9/1998,38
  • Mobilcom = Telefon-ALDI STERN 26.3.98 (28) 26.2.98 (30)
  • Huber - Der ALDI unter den Werbe-Agenturen STERN 1.10.97 (134)
  • Internet-Telefonie - ALDI-Telefonie STERN 26.6.97 (76)
  • billiges Examen wegen Überlastung der Professoren: ALDI-Examen STERN 14.11.96 (66)
 

Soziologisch

Soziologisch / Milieu-Forschung:
Für Gerhard Schulze gehört "der" Aldi-Käufer dem Harmoniemilieu an: über 40 Jahre, geringe Bildung, häufiges Fernsehen, U-Musik, Schlager, Auto putzen, Gemütlichkeit ...
Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft, Frankfurt/M. (7)1997, 300  




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