Brandes, Dieter:
Konsequent einfach.
Die Aldi-Erfolgsstory.

Campus Verlag 1998
ISBN 3-593-35904-9
DM 68.00

 

 
Rezension von Matthias Queck, dem Betreiber der legendären ALDI-Sonderangebote-Homepage!

 

äAlbrecht“ Einstein -
oder:
äKreative Leistungen erfordern
ein gewisses Mass an Dummheit“

Zusammenfassung der Grundthesen

Leidenschaft, Glaubwuerdigkeit, Askese. Unabdingbare Voraussetzungen fuer den Erfolg von Aldi, meint Dieter Brandes, der ehemalige Aldi-Nord-Manager in seinem vor wenigen Tagen erschienenen Buch äKonsequent einfach - die Aldi-Erfolgsstory“ (Campus-Verlag). Aldi ist, so meint er, ein konsequent moralisches Unternehmen. Er zitiert Gandhi, Bismarck, Schopenhauer, Seneca, Saint-Exupéry, ja, er vergleicht Aldis Politik mit der Albert Einsteins: äIch taste mich voran“. Unmittelbares Ausprobieren ist mehr wert als der teuer erkaufte Rat Dutzender Marketingberater. Im Gegenteil: Alles, was die Aldi-Brueder Albrecht taten, widersprach den Ratschlaegen der deutschen Handelsmanager. Nicht reden, sondern handeln, nicht Statistiken auswerten, sondern ausprobieren. Keine Kompromisse, sondern immer das Optimum. Und oberste Maxime ist stets die Kundenorientierung. Dies alles nennt Brandes Aldi-Kultur - die wichtigsten Grundsaetze seien hier kurz angerissen:

  • Kundenorientierung: Das oberste Gebot. äWill das der Kunde?“ Erst wenn dies mit Ja beantwortet ist, fragen: äNuetzt es der Firma?“ Klare Ziele schaffen, die jeder Mitarbeiter erreichen kann und will.
  • Kundenorientierung heisst: Der Kunde geniesst vollstes Vertrauen. Kein Umtausch, keine Reklamation darf zurueckgewiesen werden.
  • Kundenorientierung bedeutet auch: keine Lieferantenorientierung - Nicht das ins Sortiment nehmen, was der Lieferant gerade anbietet, sondern das, was der Kunde verlangt. Denn der Kunde kauft.
  • Askese: Nur das Noetigste, und das auf allen Stufen. Im Sortiment wie im Chefbuero. In der Verwaltung und der Buerokratie. Und im Sortiment. Der Aldi-Kunde will nicht dutzenderlei Lachssorten zur Auswahl, die er ohnehin nicht unterscheiden kann.
  • Lohnpolitik: An der Menge, aber nicht am Gehalt sparen. Hohe Tarifabschluesse sind Aldi dienlich wegen des geringen Personalbedarfs im Vergleich zur Konkurrenz.
  • Leidenschaft: Alle Mitarbeiter zeichnen sich weniger durch Vor-Bildung aus denn durch den Willen, den Kunden Spitzenware zu Tiefstpreisen verkaufen zu wollen.
  • Verantwortung: verpflichtet zur Mitarbeit und Selbstaendigkeit.
  • Vertrauen: statt Misstrauen foerdert das Vertrauen von Kunden und Angestellten gegenseitig.
  • Glaubwuerdigkeit: Keine Tricks beispielsweise steuerlicher Art oder gegenueber Lieferanten und Kunden wie Verschlechterung des Packungsinhaltes unter Aufrechterhaltung des Preises, keine Preiserhoehung bei sinkenden Einkaufspreisen, kein - sonst im Handel bis zur Absurditaet betriebenes - Nachverhandeln mit Lieferanten ueber bereits geschlossene Vertraege. Folge: Vertrauen. Der Kunde muss nicht stets die Preiswuerdigkeit der Ware ueberpruefen. Der Lieferant muss bestaendige Qualitaet bieten und staendig lieferbereit sein, weiss aber um einen puenktlich und korrekt zahlenden Kunden.
  • Qualitaet: Ein No-name-Produkt muss immer noch mehr sein als nur billig. Es muss mit Markenartikeln vergleichbare Qualitaet aufweisen. Billig und schlecht ist keine Kunst.
  • Kontrolle: Stichprobenartige Kontrolle muss sein. Aber immer so, dass sie Hilfe zur Verbesserung ist, so, dass sie im Zweifel lieber dem Kontrollierenden als dem Kontrollierten unangenehm ist. Die Schuld nicht beim Angestellten oder Lieferanten suchen, sondern gleich zur Tat schreiten und die hindernde Situation aendern. Staendige Selbst-Tests der verkauften Waren.
  • Detailarbeit: Die Kleinigkeiten, an denen sich so vieles reibt, verbessern. Manager an die Kundenfront. Und wenn Herr Albrecht selbst das Drehkreuz fuer jede Filiale selbst einzeichnen muss, weil er dafuer ein gutes Haendchen habe, laesst sich dieser Fuehrungsmangel durch gute, dezentralisierte Organisation wettmachen.
  • Dezentralisation: Die Teilung der Firma in Aldi-Nord und Aldi-Sued dient weniger der Umgehung der Publizitaetspflicht als der Risikoverteilung. Verzicht auf laehmendes Einigenmuessen in jedem marginalen Punkt foerdert Flexibilitaet und Wettbewerb. Jede Gesellschaft oder Untergesellschaft probiert ihr System aus, das bessere wird dann von allen uebernommen, Fehler wirken sich nicht auf das ganze Unternehmen aus. Dies widerspricht uebrigens diametral dem Allgemeinplatz, Zentralisation buendele die Kraefte. Durch Zentralisation in allen Punkten entsteht nur ueberfluessige Kommunikation, sinnlose Statistik, Buerokratie, Hierarchie, Gleichmacherei, autoritaere Fuehrung und damit Erlahmung.
  • Delegation: Aufgabenloesung an der Front. Aber mit Verantwortung.
  • Kreativitaet: Seinen eigenen Weg gehen, auch unter Verzicht auf Daten, Tabellen und Statistiken.
  • Statistik: Verzicht auf Datenwirrwarr und zeitraubende Was-waere-wenn-Ueberlegungen.
  • Langfristigkeit: verhindert unueberlegte Handlungen und schwerwiegende Folgen.
  • Unpersoenlichkeit: unterstuetzt die Selbstverantwortlichkeit der Angestellten. Keine Firmenskandale, kein Tratsch.
  • Information: Werbung dient ausschliesslich Informationszwecken (äAldi informiert...“), keine leeren Versprechungen machen. Dies staerkt das Vertrauen des Kunden. Folge: Glaubwuerdigkeit. Informationen ueber das Unternehmen dienen nur der gierigen Konkurrenz. Das nuetzt weder dem Kunden noch der Firma. Also ueberfluessig.
  • Konkurrenz: Aus der Ignoranz der anderen wachsen und aus deren Fehlern lernen, aber den eigenen Weg wahren. Gute Ideen nur kopieren, wenn sie den eigenen Grundsaetzen entsprechen.
  • Konsequenz: Jeder Versuchung widerstehen, gut funktionierende Grundsaetze umstossen zu wollen, seien es eine Erweiterung des Sortiments, Diversifikation oder Zentralisierung und Kontrollenverstaerkung durch Zentralisieren.

Kritik

Selbstverstaendlichkeiten an sich, sollte man meinen. Das meint auch Brandes. Schade nur, dass er Marketingleute der Ausbeuterei und der unnoetigen Kommunikation bezichtigt. Selbst aber fuellt er mit seinen Selbstverstaendlichkeiten 270 Seiten, wofuer man dann achtundsechzig deutsche Mark hinblaettern darf. Wahrlich kein Aldi-Preis.
Hoechste Kunst ist dann erreicht, wenn man nichts mehr weglassen kann, zitiert Brandes ein chinesisches Sprichwort. Leider wollte er offensichtlich diese hoechste Kunst der Askese nicht erreichen.
Aergerlich die dauernden Wiederholungen. Ein schlecht redigiertes Zusammengestoepsel lauter kleiner, inhaltsaehnlicher Kapitelchen, die meist mehr oder weniger im Ungefaehren verschwimmen.
Verstaendlich natuerlich, da Brandes eine gefaehrliche Gratwanderung zwischen geheimen Firmeninterna und berechtigtem oeffentlichem wie persoenlichem Interesse begeht.
Wesentlich interessanter sind die indirekten Aussagen des Autors, die man seinem Denken und Schreiben entnehmen kann.
Brandes’ Bodenhaftung, seine erfreulich penetrante Kundenorientierung, sein äsimples“, tatbezogenes Denken, fast lustig sein eher unprofessioneller Aldi-Lidl-Spar-Preisvergleich, seine Ausfluege in die Naehkaestchen der Albrechts.
Wer haette gedacht, dass zuerst das kriegsfolgenbedingt kleine Sortiment da war, dann erst die niedrigen Preise hinzukamen, sozusagen als Entschaedigung die Not zur Tugend gemacht wurde? Dass Karl Albrecht nur ein einziges Interview gab?
Interessant auch die Seitenblicke auf die Konkurrenz. Brandes raeumt Lidl, Norma und Netto gute Zukunftschancen ein, wenn sie nur obige Grundsaetze befolgten, sich nicht nur aufs Kopieren der Aeusserlichkeiten beschraenkten und den von Aldi uebernommenen Managern ihre Freiheit liessen. Er warnt Aldi-Nord vor einer Ausweitung des Sortiments, wie es Penny-Markt und Plus weniger erfolgreich vormachten. Auch sieht er Aldi von den inzwischen vielfaeltigen Konkurrenten durchaus herausgefordert, anders, als es nach aussen den Anschein hat. Wenn Branchenfuehrer Aldi aber reagiere - und Brandes sagt eine Reaktion voraus -, so koenne das nur auf Preisebene geschehen, und da koennten sich die Mitbewerber warm anziehen. Die Kunden wuerde es freuen.
Bedenklich nur, dass der Autor trotz aller Moral und Aldi-Verantwortungs-Kultur mit keinem einzigen Wort auf den Umweltschutz eingeht. Schliesslich setzt Aldi mit Einweg-Getraenkverpackung, Legebatterien-Ei und LKW-gestuetzter Logistik nicht gerade neue Massstaebe in Sachen oekologische Verantwortung. LeDi und Netto schaffen’s immerhin mit Mehrwegpfandsystemen, und selbst bei Norma gibt’s auch Eier von freilaufenden Hennen. Wir erfahren zwar von Tests zur Optimierung der LKW-Entladung oder des Kassiersystems mit dreistelligen Codes auch bei Aldi Sued. Wir erfahren aber nichts ueber Bestrebungen, Getraenke im Mehrweggebinde anzubieten, oder aehnliches. Schade.
Insgesamt fuer Liebhaber wie Insider ein lesenswertes, wenn auch nicht unbedingt kaufenswertes Buch. REWE stuende allerdings ein Exemplar gut an, besonders die Kapitel ueber das Vertrauen gegenueber und damit auch von Kunden.

Das war QWEXaktuell64.
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