 |
er Manager des Jahres Mark Wössnich hat mir
neulich die Augen geöffnet. »Das Kennzeichen von
Erfolg«, sagte er, »ist der Mensch mit CD-ROM und
DVD.« Ich sah mich um, und dies war es, was ich sah:
Alle Menschen, die etwas auf sich halten, besitzen
CD-ROMs und DVDs. Es ist nicht auszudenken, wieviele
CD-ROMs und DVDs täglich in den Computer geschoben
werden: das ganze Land steckt emsig CD-ROMs und DVDs von
einem Laufwerk ins andere. Was mag auf den CD-ROMs und
DVDs sein -?
Multimediale Firmenwerbung natürlich, dann das
Killerspiel »Wolfenstein«, eine fehlerhafte
Wirtschaftsdatenbank und die »Chronik des 20.
Jahrhunderts«. Die letztgenannte Lektüre wird kaum in
den Arbeitsspeicher geladen, wie ja überhaupt alle Leute
von dem Aberglauben besessen sind, gewisse Sachen »so
nebenbei erledigen zu können« - aber niemals wird etwas
daraus. Abends liegt das
»CD-ROM/DVD-Bertelsmann-Universallexikon« des
Computermenschen genauso unberührt auf dem Schreibtisch,
wie das Buch gleichen names seit 20 Jahren im Regal. Bei
dem allgemein gültigen Bestreben, nicht unter zehn
Anwendungen zugleich auf dem PC zu bedienen, belastet
jede Silberscheibe die Computermenschen, aber sie lassen
nicht davon ab. Was ist aber noch auf CD-ROMs und DVDs?
Auf den Datenträgern ist das, was der CD-ROM/DVD-Mensch
nach einleitenden Sätzen mit den Worten präsentiert:
»Ich habe hier eine tolle Sache ...« und dann gehts
los. Meist findet er sie nicht auf Anhieb, er sucht sie
aus den 999.999 meist farbigen Grafiken, Fotos,
Portraits, Originaltondokumenten, Tabellen,
Videosequenzen heraus, fischt im GigaByte-Teich, angelt -
schwupp! Wenns gut geht, hat er die entsprechende CD-ROM
respektive die gesuchte DVD zu Hause liegen lassen. CD-ROM
und DVD müssen sein.
CD-ROM und DVD zieren den gemeinen Menschen und deuten
auf jeistige Arbeit - daher die billigen
Strip-Poker-CD-ROMs und die teuren Kinderporno-DVDs, die
der Geschäftsmann mit lässiger Grandezza auf dem PC
spielen läßt. Auf 320x200 Pixeln zusammengeschrumpft
strahlen die »hübschesten Bademoden-Mädchens
Kaliforniens« in armseligen 256 Farbvideosequenzen ...
Es gibt auch wohlhabende CD-ROMs und DVDs; bis zum
Platzen mit Nachschlagewissen gefüllt, leuchten sie
herrlich silbrig aus ihren Plastikhüllen, die Inlays
protzen: »P! Wir! Uns kann keiner, und uns können sie
alle -!« So teure CD-ROM- und DVD-Enzyklopädien sind
das.
Manche Mediensüchtigen mit gestörtem Empfindungsleben
tragen immer zwei CD-ROMs oder zwei DVDs mit dem gleichen
Inhalt mit sich rum, eine im 12 cm- und eine im 8
cm-Format, aber das ist selten; ein besserer Herr bleibt
in dieser Sache mono-rom.
Warum kaufen aber alle diese Electronic Books -?
Weil sie Informationen konsumieren, den ganzen Tag. Weil
sie »neue Welten« auffressen, täglich, stündlich,
weil sie am Computer »ze tun« haben - etwa mit der
Hingabe, mit der Channelswitching (neudeutsch:
»zapping«) vor dem Fernseher betrieben wird.
Information total. Ein simples Buch aus Typografie und
Papier eignet sich dafür nicht. Ginge es logisch zu in
der Welt, so müßten diese Menschen im CD-ROM- und
DVD-Laufwerk liegen und nur gelegentlich, zu
informierenden Zwecken, ans Tageslicht ausgeworfen
werden. Ja, CD-ROMs und DVDs haben es in sich.
Sie regieren den Anwender, der sie besitzt, sie
bestimmen dessen Dasein, nicht umgekehrt. Er sieht in
alle Verzeichnisse, die sich auf den Datenträgern
befinden - er durchforstet ihren Wust, dann ist es Mühe
und Arbeit gewesen, und es muß ja wohl Leute geben, die
glauben, zu diesem Behufe auf der Welt zu sein. CD-ROM
und DVD, ihr traurigen Massenspeicher, wie erleichtert
Euer »Hypertextquerverweissystem« das Leben! Nie laßt
Ihr die Leute sich in einen einzigen Inhalt vergraben,
mit den Gedanken dem Autor geradezu folgend, ohne Euch,
ohne das lästige hin- und her-, vor- und zurückspringen
zwischen den unwichtigsten Multimediafüllseln. Was einer
nicht im Kopf hat, das muß er auf CD-ROM oder DVD haben.
Dabei sind die meisten CD-ROMs und DVDs unvollständig:
sie müßten ein kleine Schnittstelle eingebaut haben,
Verbindung zu allen Archiven der Welt, etwas
Wasserspülung und einen zusammenklappbaren Whirlpool ...
CD-ROMs und DVDs sind lebensnotwendig: wie könnte die
deutsche Wirtschaft funktionieren ohne CD-ROMs und DVDs!
In Amerika sollen die Kids CD-ROM- und DVD-Laufwerke auch
mit unter die Bettdecke nehmen, wenn Mummy sie ins Bett
geschickt hat, hat man mir erzählt; aber daß sie es in
einem tibetanischen Kloster nicht tun, das weiß ich ganz
gewiß. Denn die Tibetaner und Philosophen ... also, was
sind denn das überhaupt für Menschen! Die glauben, daß
man keinen Computer zum Leben braucht, und wenn der
Friedensnobelpreisträger und Dalai Lama im Westen
hausieren geht, geht das auch ohne digitaler Technik,
Multisessionfähigkeit und dem neuesten
Massenspeicherstandard. Aber er ist wohl nicht immer auf
dem CD-ROM/DVD-Laufenden ..: Und es ist nur schade, daß
wir zum Scheißen keine CD-ROMs und DVDs benötigen - die
Massenspeichernormen würden sich noch zu wesentlich mehr
als bloß zum Dateiablagesystem eignen.
Schilt CD-ROM und DVD nicht, Arthur! Sie haben eine
heilige Mission zu erfüllen hienieden - sie sollen all
die Daten mumifizieren, mit denen Menschen sich
beschäftigt haben, und das ist mitunter gar nicht so
einfach. Gott segne sie, die guten Silberscheiben; seit
vielen Jahren sind sie nun marktreif, haben manche
qualifizierte Kritik ignoriert ... Sieh ihre gefällige
Drehgeschwindigkeit! Die silberne Haut, das
Nichtfunktionieren vieler CD-ROM- und DVD-Laufwerke bei
der Erstinstallation! Wieviel Geld verdienen nicht ihre
Hersteller mit ihnen ...
Wenn aber einmal alles untergegangen ist von dem CD-ROM-
und DVD-Imperium, die Scheiben selber von keinem Computer
der neuen Generation mehr gelesen werden können, die
Tonnen von CD-ROM- und DVD-Inhalten auf den Müllhalden
recycelt werden; wenn die Ära des PCs endlich vorbei ist
und die Zeit der IRQs und DMAs und die der letzten
Kathodenstrahler und das Fingertraining, wenn man dem
Computer einen Befehl einfach per Mund und Sprache
erteilt, wenn dreidimensionale Holographien den
Bildschirm als Ausgabemedium abgelöst haben: eine CD-ROM
und eine DVD sollten übrigbleiben von dieser Zeit, als
Denkmal. Ein Mensch, aus Marmor, ordentlich in Stein
ausgehauen, mit ernster Miene und sorgenvollen
Naslöchern, vor einem Massenspeicherlaufwerk sitzend, in
der Hand seine geistigen Wickelkinder, ganz der Papa, mit
Schutzlack versiegelt, silbrig glänzend.
Der Mensch mit CD-ROM und DVD.
|
 |