Der Mensch mit CD-ROM und DVD

von Arthur Diebold

er Manager des Jahres Mark Wössnich hat mir neulich die Augen geöffnet. »Das Kennzeichen von Erfolg«, sagte er, »ist der Mensch mit CD-ROM und DVD.« Ich sah mich um, und dies war es, was ich sah:
Alle Menschen, die etwas auf sich halten, besitzen CD-ROMs und DVDs. Es ist nicht auszudenken, wieviele CD-ROMs und DVDs täglich in den Computer geschoben werden: das ganze Land steckt emsig CD-ROMs und DVDs von einem Laufwerk ins andere. Was mag auf den CD-ROMs und DVDs sein -?
Multimediale Firmenwerbung natürlich, dann das Killerspiel »Wolfenstein«, eine fehlerhafte Wirtschaftsdatenbank und die »Chronik des 20. Jahrhunderts«. Die letztgenannte Lektüre wird kaum in den Arbeitsspeicher geladen, wie ja überhaupt alle Leute von dem Aberglauben besessen sind, gewisse Sachen »so nebenbei erledigen zu können« - aber niemals wird etwas daraus. Abends liegt das »CD-ROM/DVD-Bertelsmann-Universallexikon« des Computermenschen genauso unberührt auf dem Schreibtisch, wie das Buch gleichen names seit 20 Jahren im Regal. Bei dem allgemein gültigen Bestreben, nicht unter zehn Anwendungen zugleich auf dem PC zu bedienen, belastet jede Silberscheibe die Computermenschen, aber sie lassen nicht davon ab. Was ist aber noch auf CD-ROMs und DVDs?
Auf den Datenträgern ist das, was der CD-ROM/DVD-Mensch nach einleitenden Sätzen mit den Worten präsentiert: »Ich habe hier eine tolle Sache ...« und dann gehts los. Meist findet er sie nicht auf Anhieb, er sucht sie aus den 999.999 meist farbigen Grafiken, Fotos, Portraits, Originaltondokumenten, Tabellen, Videosequenzen heraus, fischt im GigaByte-Teich, angelt - schwupp! Wenns gut geht, hat er die entsprechende CD-ROM respektive die gesuchte DVD zu Hause liegen lassen.

CD-ROM und DVD müssen sein.
CD-ROM und DVD zieren den gemeinen Menschen und deuten auf jeistige Arbeit - daher die billigen Strip-Poker-CD-ROMs und die teuren Kinderporno-DVDs, die der Geschäftsmann mit lässiger Grandezza auf dem PC spielen läßt. Auf 320x200 Pixeln zusammengeschrumpft strahlen die »hübschesten Bademoden-Mädchens Kaliforniens« in armseligen 256 Farbvideosequenzen ... Es gibt auch wohlhabende CD-ROMs und DVDs; bis zum Platzen mit Nachschlagewissen gefüllt, leuchten sie herrlich silbrig aus ihren Plastikhüllen, die Inlays protzen: »P! Wir! Uns kann keiner, und uns können sie alle -!« So teure CD-ROM- und DVD-Enzyklopädien sind das.
Manche Mediensüchtigen mit gestörtem Empfindungsleben tragen immer zwei CD-ROMs oder zwei DVDs mit dem gleichen Inhalt mit sich rum, eine im 12 cm- und eine im 8 cm-Format, aber das ist selten; ein besserer Herr bleibt in dieser Sache mono-rom.
Warum kaufen aber alle diese Electronic Books -?
Weil sie Informationen konsumieren, den ganzen Tag. Weil sie »neue Welten« auffressen, täglich, stündlich, weil sie am Computer »ze tun« haben - etwa mit der Hingabe, mit der Channelswitching (neudeutsch: »zapping«) vor dem Fernseher betrieben wird. Information total. Ein simples Buch aus Typografie und Papier eignet sich dafür nicht. Ginge es logisch zu in der Welt, so müßten diese Menschen im CD-ROM- und DVD-Laufwerk liegen und nur gelegentlich, zu informierenden Zwecken, ans Tageslicht ausgeworfen werden. Ja, CD-ROMs und DVDs haben es in sich.

Sie regieren den Anwender, der sie besitzt, sie bestimmen dessen Dasein, nicht umgekehrt. Er sieht in alle Verzeichnisse, die sich auf den Datenträgern befinden - er durchforstet ihren Wust, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen, und es muß ja wohl Leute geben, die glauben, zu diesem Behufe auf der Welt zu sein. CD-ROM und DVD, ihr traurigen Massenspeicher, wie erleichtert Euer »Hypertextquerverweissystem« das Leben! Nie laßt Ihr die Leute sich in einen einzigen Inhalt vergraben, mit den Gedanken dem Autor geradezu folgend, ohne Euch, ohne das lästige hin- und her-, vor- und zurückspringen zwischen den unwichtigsten Multimediafüllseln. Was einer nicht im Kopf hat, das muß er auf CD-ROM oder DVD haben.
Dabei sind die meisten CD-ROMs und DVDs unvollständig: sie müßten ein kleine Schnittstelle eingebaut haben, Verbindung zu allen Archiven der Welt, etwas Wasserspülung und einen zusammenklappbaren Whirlpool ... CD-ROMs und DVDs sind lebensnotwendig: wie könnte die deutsche Wirtschaft funktionieren ohne CD-ROMs und DVDs! In Amerika sollen die Kids CD-ROM- und DVD-Laufwerke auch mit unter die Bettdecke nehmen, wenn Mummy sie ins Bett geschickt hat, hat man mir erzählt; aber daß sie es in einem tibetanischen Kloster nicht tun, das weiß ich ganz gewiß. Denn die Tibetaner und Philosophen ... also, was sind denn das überhaupt für Menschen! Die glauben, daß man keinen Computer zum Leben braucht, und wenn der Friedensnobelpreisträger und Dalai Lama im Westen hausieren geht, geht das auch ohne digitaler Technik, Multisessionfähigkeit und dem neuesten Massenspeicherstandard. Aber er ist wohl nicht immer auf dem CD-ROM/DVD-Laufenden ..: Und es ist nur schade, daß wir zum Scheißen keine CD-ROMs und DVDs benötigen - die Massenspeichernormen würden sich noch zu wesentlich mehr als bloß zum Dateiablagesystem eignen.

Schilt CD-ROM und DVD nicht, Arthur! Sie haben eine heilige Mission zu erfüllen hienieden - sie sollen all die Daten mumifizieren, mit denen Menschen sich beschäftigt haben, und das ist mitunter gar nicht so einfach. Gott segne sie, die guten Silberscheiben; seit vielen Jahren sind sie nun marktreif, haben manche qualifizierte Kritik ignoriert ... Sieh ihre gefällige Drehgeschwindigkeit! Die silberne Haut, das Nichtfunktionieren vieler CD-ROM- und DVD-Laufwerke bei der Erstinstallation! Wieviel Geld verdienen nicht ihre Hersteller mit ihnen ...
Wenn aber einmal alles untergegangen ist von dem CD-ROM- und DVD-Imperium, die Scheiben selber von keinem Computer der neuen Generation mehr gelesen werden können, die Tonnen von CD-ROM- und DVD-Inhalten auf den Müllhalden recycelt werden; wenn die Ära des PCs endlich vorbei ist und die Zeit der IRQs und DMAs und die der letzten Kathodenstrahler und das Fingertraining, wenn man dem Computer einen Befehl einfach per Mund und Sprache erteilt, wenn dreidimensionale Holographien den Bildschirm als Ausgabemedium abgelöst haben: eine CD-ROM und eine DVD sollten übrigbleiben von dieser Zeit, als Denkmal. Ein Mensch, aus Marmor, ordentlich in Stein ausgehauen, mit ernster Miene und sorgenvollen Naslöchern, vor einem Massenspeicherlaufwerk sitzend, in der Hand seine geistigen Wickelkinder, ganz der Papa, mit Schutzlack versiegelt, silbrig glänzend.
Der Mensch mit CD-ROM und DVD.