|
Juni 98
21,7 x 14 cm, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN 3-205-98765-9, Böhlau Verlag Ges.m.b.H. und Co.KG., Wien-Köln-Weimar 1998, öS 298,- | Schattenwürfe in die Zukunft Kaiserin Elisabeth und die Frauen ihrer Zeit Dr. Lisa FISCHER Die Historikerin und Soziologin Dr. Lisa Fischer hat ihr jüngstes Buch der obersten Repräsentantin Österreich-Ungarns, der liberal denkenden selbstbewußten Systemkritikerin Kaiserin Elisabeth Ersébeth Királnyé dediziert. Dr. Lisa Fischer hat den gerade im heurigen Jahr florierenden zahlreichen meist nur mehr oder minder fehlerhaft kompilierenden Biographien der Monarchin nicht einfach eine weitere hinzugefügt, sondern nach intensivem Quellenstudium charakteristisches verbalisiert und die damaligen Möglichkeiten der Opposition aufgezeigt. Dr. Lisa Fischer fondiert die Charakteristik Kaiserin Elisabeths durch Vergleiche mit anderen Nonkonformistinnen wie der um sechs Jahre jüngeren Seelenverwandten Elisabeth zu Wied, die sich als Dichterin ab 1880 Carmen Sylva („Lied Wald") nannte, mit drei Jahren in eine Zwangsjacke gesteckt wurde, ein Stützkorsett tragen und hauptsächlich von purem Schwarzbrot leben mußte und auch mit der Peitsche erzogen wurde. Mit neun Jahren verfaßte sie bereits Gedichte, mit zwölf Novellen. Heirat schien ihr so lustig wie eine Leichenfeier. Auch ihr starb eine Tochter. Sie war sensibel und gegen Repräsentationen. Als sie sich für die Hochzeit des Thronfolgers mit einer Bürgerlichen einsetzte, waren die Gemüter so erregt, daß sie ihr Gatte Carol I für drei Jahre nach Italien ins Exil schicken mußte. Zurückgekehrt schwieg sie wie eine Sphinx und widmete sich völlig sozialen und künstlerischen Aufgaben. Mit ihren Dichterhonoraren finanzierte sie eine Künstlerkolonie (bewirtete in den Sommermonaten 6000 Gäste). Ihre Interessen waren Weltfrieden, Weltvegetarismus, Völkerverständigung (Esperanto), Frauenemanzipation, Indien, Buddhismus. Die elf Jahre ältere Eugénie von Montijo mußte als Kind in Spanien Leinenkleider tragen und stets das machen, was ihr am schwersten fiel. Nach einem Selbstmordversuch kam es zur Liebesheirat mit Napoleon III, der sie bald betrog. Sie wurde durch das Bombenattentat im Jänner 1858 nicht erschreckt und setzte sich sogar vergeblich für einen Freispruch des italienischen Attentäters ein. 1865 verlieh sie der Malerin Rosa Bonheur als erster Frau das Kreuz der Eh-renlegion. Mit ihrer 1888 erworbenen Yacht „Thistle" fuhr sie bis Ceylon. Ihr Sohn fiel in Südafrika. Sie engagierte sich für den Bau des Suez-Kanals, liebte Meer und Spiritismus und ihr gefälliges Heim in Cap Martin. Die spätere Kronprinzessin Stephanie mußte auf Bohnen knien, zwischen Doppeltüren stehen und auch im Winter bei offenem Fenster schlafen. Pauline Fürstin Metternich rauchte ebenso wie George Sand Zigarren. Lola Montez ließ sich mit Peitsche und Zigarette malen. Dr. Lisa Fischer bringt auch Beispiele wie weiblicher „Ungehorsam" von männlichen Gewaltstrukturen diszipliniert wurde, sodaß Kaiserin Elisabeth wohl daran getan hat, ihre Kritiken nicht zu veröffentlichen, sondern bis 1950 in der Schweiz zu hinterlegen. Aber ob sich ihre Hoffnung auf die „Zukunfts-Seelen" erfüllt hat ? Aus Melancholie wurde Depression, aus dem Gefühl des Fremdwerdens Isolation, aus ihrem Körperideal autoaggressive Magersucht, aus wandern jogging, aus turnen bodybuilding und Bewegung ist sogar Wertmaßstab für den Urlaub. Auch wenn Vergleiche mit tragisch verunglückten Frauen unserer Zeit schon aufgrund von Kaiserin Elisabeths exquisiter Bildung, enormer Willensstärke und einwandfreier Moral unpassend sind, gehört Dr. Lisa Fischers Buch zu den empfehlenswertesten Publikationen über die unerreichbare, faszinierende Wanderin und Philosophin zwischen den Welten, die nicht nur ihrer Zeit voraus war. © Dr. Günther Berger |
Retour zu
Ausstellungen und Buchtips