BUCHTIP
August 97



Ehemal. Privatsynagoge
im Wertheimerhaus
heute :
Österreichisches
Jüdisches Museum
(Buch, S.235)


























25 x 14,3, cm, gebunden,
255 Seiten mit 24 SW-Photos,
ISBN 3-900907-05-6, Österreichisches Jüdisches Museum Eisenstadt 1997
AUS DEN SIEBEN GEMEINDEN

Johannes Reiss (Hrsg.),
Ein Lesebuch über Juden in Burgenland


Die älteste voll ausgebildete jüdische Gemeinde im heutigen Burgenland besaß 1296 Mortunzzabou (1373 wenig Mertestorff bzw. Eisenstadt). 1388 Privileg zur Ansiedlung von Juden. Zum größten Zuwachs und Beginn einer kontinuierlichen Besiedlung kam es erst ab 1670 (Vertreibung aus Wien-Leopoldstadt). Paul Reichsfürst Esterházy von Galantha (8.9.1635 - 25.3.1713) gewährte den Juden am 1. Jänner 1690 in seinem 17 punktigen Schutzbrief beispielsweise das Recht, ihrem Glauben entsprechend zu leben und niedere Gerichtsbarkeit zu halten. Der Schutz erstreckte sich auf die jüdischen Bewohner von Kittsee, Frauenkirchen, Mattersburg, Kobersdorf, Lackenbach und Deutschkreutz, die mit Kismarton die Sieben Gemeinden (Scheya Kehillot) bildeten. Ab 1732 bildete das jüdische Viertel der Freistadt Kismarton die selbständige Gemeinde „Unterberg - Eisenstadt“ und hatte 1836 906 Einwohner. Mitte des 18. Jhs. bestanden neben den Fürstlich Esterházyschen Sieben Gemeinden und der Gräflich Esterházyschen Gemeinde Gattendorf im Südburgenland noch fünf jüdische Gemeinden unter dem Schutz der Grafen Batthyány (Rechnitz, Güssing, Stadtschlaining, Körmend und Nagykanizsa). Nach der Aufhebung der Grund(schutz)herrschaft 1848 erlangten manche der jüdischen Gemeinden politische Autonomie, die sich jedoch nur in der „Israeliten-Gemeinde Eisenstadt“ halten konnte. Am 2. April 1938 forderte der Gauleiter Dr. Tobias Portschy neben der Agrarreform und der „Zigeunerfrage“ auch die „Judenfrage“ zu lösen. Die burgenländischen Juden waren die ersten in Österreich, die von den Ausweisungsbefehlen betroffen waren. Etwa 30% der Juden der ehemaligen „Sieben Gemeinden“ konnten der Liquidation nicht entkommen. Im August 1938 wurde „Unterberg-Eisenstadt“ in die Freistadt Eisenstadt inkorporiert. Nach 1945 kehrten kaum ein Dutzend jüdischer Familien in das Burgenland zurück, wo es in Oberschützen ein „Anschlußdenkmal“ gibt, wo im Herbst 1992 etwa 80 Grabstellen der 1875 angelegten jüngeren jüdischen Friedhöfe beschmiert wurden und im Ostarrichi-Jubeljahr 1996 die Synagoge in Gattendorf abgerissen worden ist. Anläßlich des 25 jährigen Bestehens des Österreichischen Jüdischen Museums im 1875 vom Weinhändler Alexander „Sándor“ Wolf (1871 Eisenstadt - 2.1.1946 Haifa) erworbenen Haus Unterbergstraße 6 wurde am Dienstag, 27.5.1997 im Schloß Esterházy eine überaus interessante Anthologie von Texten aus unserem Jahrhundert über die Juden in Burgenland (Mitte des 19. Jhs. 8487, 1921 nur noch etwa 3000) präsentiert. Unter den 25 Autoren befinden sich Dr. Arthur Schnitzler, dessen Ahnen Spuren väterlicher und mütterlicher Seite in den burgenländischen bzw. westungarischen Raum führen, Joseph Roth, der 1919 aus dem im Burgenland die „Reise ins Heanzenland“ veröffentlichte und Franz Werfel, der im August 1929 Sándor Wolfs Museum (im heutigen Landesmuseum) besuchte, dessen 6000 Objekte nach 1945 nicht vom Burgenland, sondern von einer Schweizer Galerie erworben wurden. Abgesehen vom literarischen Lesevergnügen bietet das mit Anmerkungen und historisch biographischen Einleitungen versehene Buch aber auch wichtige Beiträge zur topographischen Landeskunde und Zeitgeschichte (beispielsweise Barbara Coudenhove-Kalergis „Einer kam zurück“).
© Univ.-Lektor Dr. Günther Berger

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