Neues vom alten Mississippi

Als Kind hatte ich Tom Sawyer in der falschen Zeit in die Hand bekommen. Mit etwa elf oder zwölf wollte ich keine Geister oder Märchen mehr, und bei der Friedhofsszene klapp te ich das Buch zu. Als Erwachsener habe ich es neu gelesen. Es ist übrigens ganz und gar realistisch, auch der Charakter Toms ist überzeugend gelungen. Empfehlenswert ist es als eines der wenigen Bücher, die jedem Lebensalter etwas bieten. Bevor ich mir nun erneut auch Huckleberry Finn vornahm - das hatte ich als Kind mit Freude gelesen - wollte ich zunächst als Einführung ins Thema sozusagen ebenfalls von Mark Twain »Leben auf dem Mississippi" lesen. Vor 35 Jahren gab es im Ostberliner Aufbau Verlag zunächst einzelne Bände der Werke von Mark Twain, dann eine Auswahlausgabe in zwölf Bänden. Ich habe leider nur sieben davon.

   Mark Twain ist hier als Autor abenteuriger Kinderbücher bekannt, und die Einordnung als Humorist ist in Deutschland kein gutes Urteil; Twains Zeitgenosse Wilhelm Busch wird mit diesem Stempel ebenfalls kleiner gemacht. Bei uns darf Kunst nicht auch Spaß machen, es sei denn, wir vermuten, wie bei Karl May, noch Geheimnisse in den schwülen tieferen Jagdgründen.

   Mark Twain lädt uns ein, mit ihm den Mississippi hinauf und hin unter zu fahren. Wir haben ja gar keine Vorstellung, das sind etwa 2.000 Meilen (3.200 km) zwischen St. Paul am Oberlauf und New Orleans. Twain kennt sich aus, er selbst ist lange als Lotse auf Mississippi-Dampfern gefahren. Zunächst erzählt er von dieser eigenen Ausbildung. Der Lotse mußte jede Meile kennen bei Tag wie bei Nacht, bei Niedrigwas ser waren die Sandbänke zu ahnen, bei Hochwasser schien der Strom kein Ufer mehr zu haben.

   

   Es war nichts zu machen, ich mußte die Form des Flusses auf jede nur erdenkliche Art und Weise lernen - vorwärts und Rückwärts und verkehrt rum und von vorn nach achteraus und »querschiffs« und hatte außerdem in grauen Nächten, wenn er überhaupt keine Form mehr hatte, Bescheid zu wissen. So setzte ich mich dann auf den Hosenboden. Im Verlauf der Zeit wurde ich dieser verzwickten Aufgabe stückweise Herr und meine Selbstgefälligkeit kam wieder zum Vorschein. Mr. Bixby stand schon bereit, mich in die Schranken zu verweisen. Angefangen hat er so: »Wieviel Wasser haben wir gehabt, als wir vorletzte Fahrt bei Hole-in-the-Wall rübergekreuzt sind?«

   Das war direkt schon beleidigend. Ich sagte: »Bei jeder Fahrt, ob rauf oder runter, werden an dieser vertrackten Stelle dreiviertel Stunden lang ununterbrochen Lotungen runtergeschnarrt. Wie kommen Sie denn auf die Idee, daß ich so einen Wust behalten könnte?«

   »Mein Junge, das mußt du aber. An die Stelle und die Markierun gen, in denen das Schiff lag, als wir das seichteste Wasser hatten, hast du dich ganz genau zu erinnern, und zwar von jeder einzelnen der fünfhundert Untiefen zwischen St. Louis und New Orleans, und du darfst die Messungen der einen Fahrt nicht mit denen einer andern verwechseln, denn zweimal genauso sind sie nur selten. Die mußt du schön ausein anderhalten.«

   

   Twain gibt eine großartige, an keiner Stelle langweilende Beschrei bung von Landschaft, Leben und Geschichte, eingestreut sind kleine Erzählungen und Erinnerungen. Er beschreibt die unbezwingbaren Hochwasser des Stromes, besonders die Flut von 1882. Ich las das Buch im vergangenen Sommer (1993), und gerade in diesen Tagen hörte ich im Radio von der aktuellen Überflutung des Mississippi-Tales, die als Jahrhundert-Flut bezeichnet wurde. Twain hatte schon damals daran gezweifelt, ob sich der Fluß in Dämme sperren läßt und vorausgesehen, daß durch die Regulierung die Gefahr nur größer wird.

   

   Schließlich habe ich auch noch Huck Finn gelesen. Das was ich daraus von früher in Erinnerung hatte, habe ich wiedergefunden, aber noch viel mehr.

© Volker Kunze, Antiquariat an den Ceciliengärten

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