Kuno Kerzlev

ICH BIN EIN FREUND DER LITERATUR

Ich bin ein Freund der Literatur. Ich kenne mich aus mit Büchern, sie haben mein Leben begleitet, wie andere von der Entwicklung und Verbesserung ihrer Automarke begleitet wurden oder noch andere vom Steigen und Fallen ihrer Festzinswerte. Früher bin ich oft in Antiquariate gegangen. Möglich, Sie haben mich dort gesehen, vielleicht erinnern Sie sich. Jetzt bin ich seltener dort. Sind wir uns nicht damals bei Sieg in der Fasanenstraße begegnet? Waren Sie es nicht, der versuchte, aus dem schwäbelnden Ungetüm im Eck laden eine Auskunft herauszubekommen? Seit dann dort gewürfelt wurde, sah ich Sie nicht mehr so oft dort.

   Um diese Zeit hatte ich auch das entscheidende Erlebnis. Das war an einem der ersten warmen Abende im Mai, so ein Abend, der uns wieder staunen läßt, wie lange es hell bleibt, wie bei einem Spaziergang sich die gewohnte Umgebung in einem neuen ungewohnten Licht zeigt. Ja, im Mai muß es gewesen sein, denn vor der Post standen die Behälter für die Telefonbuchsammlung. Ist das nicht schade? Bücher, Bücher! Viele sehen noch so unbenutzt aus, andere haben Notizen oder delikate Langeweile-Krit zeleien, eigentlich sind das schon Kunstwerke. Ein Kübel stand halb offen, den anderen schob ich etwas auf. Wovon sich die Leute auch sonst noch so befreien, still, ohne Auf sehen mit den Telefonbüchern hier abladen: ein Quelle-Katalog, Zeitungen, Prospekte auch Gebündeltes.

   Nun griff ich ein Diners-Club-Magazin, ein paar Fachzeitschriften für den praktischen Arzt, American Science.

   Die einen werfen es fort, vielleicht sogar heimlich, aus Furcht, das nicht unter die Telefonbücher mischen zu dürfen, und ich fühle mich wieder wie ein Dieb, wenn ich das wieder daraus entwende, habe ich mich nicht sogar umgeschaut?

   Mein Spaziergang war zu Ende, ich ging heim mit Lesefrüchten. Ich las, was mir gar nicht zu lesen zustand, was ich so auch in Buchläden kaum gefunden hätte. Schon die Inserate: Kaufen Sie jetzt ein Studentenappartment in München, Zimmer knappheit, voll abschreibbar, Verlustzuweisung. — Andere Leute haben ganz andere Pro bleme. Auch Ärzte müssen sich informieren. Ob die über diese Witze lachen? Was denen so alles angeboten wird, wohin die verreisen.

   Mein Lesen hatte sich ja schon länger entwickelt. Ich war gar nicht mehr so sehr am Inhalt interessiert. Warum schreibt jemand gerade dies und gerade das zu diesem Zeitpunkt, und wieso wird es gerade dort veröffentlicht?

   Ich habe nie eine Illustrierte so intensiv gelesen wie die damals gefundene Ausgabe von American-Science. Viel später fand ich nochmal solch ein Heft, da kannte ich die Machart dann schon.

   Ich ging nun häufiger abends spazieren. Da ist auch noch ein anderes Postamt in der Nähe, und gar nicht so zufällig kam ich auch dort vorbei. Nicht immer war ich erfolgreich. Es gibt noch so viele andere Versandhauskataloge, und was so alles im Versand zu bekommen ist. Das Blättern im Katalog ist schon der halbe Genuß, und wenn gar die Ware enttäuschen sollte, ist es der ganze.

   Von da an kaufte ich kaum noch Lesestoff. Bücher zum Aufstellen konnte ich sowieso nicht mehr brauchen, meine Regalwände waren übervoll. Die ganze Welt der Homecomputer erfaßte ich aus weggeworfenen Zeitschriften. Sie machen sich ja gar kein Bild. In Antiquariaten werden Sie diese Informationen erst in ein paar Jahren finden. Mein Horizont weitete sich, mein Weltbild gewann. Einige Male gab es Geo- Hefte, den Wachtturm niemals.

   Im Spätsommer war die Telefonbuchsammlung vorbei. Daran hatte ich nicht gedacht. Ich hatte keine Vorräte angelegt. Erst viel später wurde auch bei uns neben der Mülltonne ein extra Behälter für Altpapier aufgestellt. Dadurch lernte ich die Leute in unserem Wohnblock besser kennen. Aber es war enttäuschend, sie lesen keine gescheiten Zeitschriften. Aus den bunten Illustrierten, die es da gibt, könnte ich Ihnen den Klatsch der Dallas-Darsteller erzählen. Zwei drei Hefte geben mehr als einen Überblick, und mehr kann ich davon nicht verdauen. Stern und Spiegel sind schon Seltenheiten. Diese sind oft schon fast ein Jahr alt; warum heben die Leute das in ihren Wohnungen so lange auf? Für mich ist's natürlich noch frischer als Antiquariat.

   In dem langen, langen Jahr als ich auf die nächste Telefonbuch sammlung wartete, begann ich dazu noch ein neues Sammelgebiet. Ich schaute mir in den Buchläden die Bücher bloß noch aus der Ferne an, nahm kaum noch eines in die Hand, genoß nur noch die Schriftzüge der immer wieder neuen Titel. Was sollte schon anderes darin stehen als aus altem Kaffeesatz neu Aufgebrühtes. Auf diesen Wegen lachten mich bunt und hübsch gedruckt die flatterigen Verlagsprospekte an. Die kosten auch nichts und rechtfertigen schon einen Gang in eine Buchhandlung. Meine Beziehung zu den Büchern hat nicht gelitten, sie ist anders geworden. Eine Delika tesse für mich sind die Prospekte und Kataloge der Taschenbuchverlage. Die haben schon einen ziemlichen Umfang, ich erfreute mich an dem feinen, knisternden Papier, und sie sind herrlich in Farben gedruckt. Das ist schon eine Freude! Darin sind oft die Bücher abgebildet und dann gibt es viele Porträtfotos der Autoren. Da suche ich mir jemanden aus, der mir gefällt und lese dann die Titel der Bücher, die er geschrieben hat. Ja, von wem möchte ich mir denn etwas erzählen lassen. Dieser wirkt wie ein Architekt, oder mit dem Seebärenbart könnte er auch vor zwanzig Jahren mal in Alleinfahrt im Segelboot um die Welt gefahren sein, und nun hält er Diavorträge darüber. Er heißt Günter Eich und der Buchtitel: >Fünfzehn Hörspiele<. Aha, so sieht jemand aus, der Hörspiele schreibt. Auf der selben Seite ist aber auch ein junger Mann, der uns offen entgegenlacht. So stelle ich mir jemanden vor, der uns erzählen kann, wie wir auch ohne die Dialektik der Philosophie leben können. Franz Xaver Kroetz. Es ist gut, daß dann nur die Buchtitel stehen und der Preis: Frühe Stücke, Heimarbeit, Hartnäckig, Männersache. Da kann ich mir dazu vor stellen, was ich will; kein Waschzettel-Text, der alles nur verdünnen würde. Kennen Sie das auch? Da hat Ihnen ein Buch sehr gefallen, und dann sehen Sie irgendwo so zufällig ein Bild des Autors. Das trifft so ganz daneben, war überhaupt nicht die Vorstellung. Ach, hätten wir dieses Bild, die Zerstörung unserer Phantasie doch nie gesehen! — Meine Art damit umzugehen, ist nun eine andere. Ich schütze mich vor den Enttäu schungen des Textes.

   Inzwischen bin ich in die Prospekte gut eingeübt, habe recht detaillierte Vorstellung, was da so angeboten wird, und ich denke nun schon an eine Er weiterung. Vielleicht sollte ich mich mit dem Klappstuhl vor einer Buchhandlung aufbauen und dort Kunden-Taschenbuch-Beratung anbieten. Da schaue ich mir die Leute genau an, und kann dann schon mit Sicherheit sagen, was zu jedem paßt. Oder haben Sie etwa wei terhin Lust, in diesem uferlosen Meer von Büchern herumzufischen?

   Manche Bücher sind wie Rätsel: Bachofen, >Mutterrecht< ist in einer Reihe >Wissenschaft< erschienen. Schon der Name Bachofen, so viel Klang und Tiefe, ein wunderbares Rätsel; wer für zwanzig Mark das Buch kauft, kann nicht nur enttäuscht werden.

   In einem Prospekt wird eine Krisenbibliothek der Weltliteratur angeboten. Natürlich ein Jahrhundertunternehmen, es soll einmal 333 Bände geben. Da kann ich mir gut vorstellen, wie die Herren aus Bonn diese Bibliothek bereits in ihren Befehls-Atom-Bunker in die Eifel geschafft haben; wenn nicht, wäre es auch nicht schlimm, denn die Bücher kommen aus dem Diogenes-Verlag, der ist in der Schweiz, und weil die neutral ist, wird man auch im Krisenfall noch liefern können.

   Seit einiger Zeit gibt es nun das Ungeheuerlichste auf den Büchertischen. War das ein Weihnachtsgeschenk für mich! Das Magazin zu Greno's An derer Bibliothek, es erscheint unregelmäßig doch einmal im Monat. Darin wird jeweils eines dieser Fadenheftungs-Bleibuchstaben-Qualitätsbücher vorgestellt. Ein klein bißchen Lobsprüche, Lebenslauf des Autors und Einführung sowie meist ein ganzes Kapitel Text probe, das alles raffiniert oder grotesk illustriert, so ganz ein Lese-Augen-Schmaus. Diese Magazin-Prospekte sind doch viel besser als die Bücher, für die sie Reklame machen sollen. Wären die schlau, — psst — würden sie die Bücher verschenken und die Magazine verkaufen. Ich habe alle Magazine, die bisher herausgekommen sind. Von den Büchern habe ich keines. Mit Ungeduld lauere ich auf Neuerscheinungen. Ich habe schon überlegt, ob ich den Greno, Enzensberger & Co. meine Begeisterung schreibe und Ihnen zu zwei Büchern im Monat Mut machen soll. Das gäbe auch zwei Magazine. —

   Sie mögen sich gewundert haben, daß Sie mich bei Ihren Gängen durch die Antiquariate weder bei Wegner noch bei Hennig oder Jeschke nochmal gesehen haben. Lediglich zu den Ceciliengärten gehe ich manchmal wegen des Tees.

   Ich habe mich als Leser weiterentwickelt. Trauen Sie sich auch noch Entwicklungen zu? Dann kann es ja sein, wir begegnen uns wieder an meinen neuen Quellen, als Einzelgänger, wie wir es nun mal so sind.

© Volker Kunze, Antiquariat an den Ceciliengärten

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