Leute kamen atemlos an; Fässer, Seile, Waschkörbe behinderten den Verkehr; die Matrosen gaben auf Fragen keine Antwort; alles drängte und stieß; zwischen den beiden Radkasten türmten sich Gepäckstücke, und das Getöse wurde vom Zischen des Dampfes übertönt, der, aus metallischen Ventilen hervorquellend, alles in weißlichen Rauch einhüllte, während die Glocke am Bug ohne Unterlaß läutete.
Endlich setze sich das Schiff in Bewegung, und die von Lagerhäusern, Werften und Fabriken belebten Ufer rollten sich zu beiden Seiten wie breite Bänder ab. -
So ähnlich begann es. Allerdings ein modernes Schiff an der Ham burger Übersee-Brüke. Für die heutige Zeit ist das ungewöhnlich, und es ist kein Kreuz fahrtschiff mit Abschreibungsverdienern auf den Decks, das diese Passagiere nach kurzem Geplänkel mit den Küsten und Häfen der Umgebung nach schon zwei Wochen wieder hier abliefern würde. Das Schiff, das gerade abgelegt hat und auf die Unterelbe zusteuert, ist ein echtes Auswandererschiff. Nach Jahrzehnten zum ersten Mal wieder. Haben auch viele der neuen Auswanderer das Flugzeug genommen, diese hier bevorzugen die Annehmlichkeit und die Transportkapazität des Schiffes. Und so waren auch Kisten und Kästen, ja sogar Vogelkäfige und Babywiegen an Bord gebracht worden.
Nicht alle, die zum Abschied gekommen sind, sind mit den Abreisen den persönlich bekannt. Und so stehen auch Menschen in Gruppen noch in Blankenese, wo das Schiff nach einiger Zeit vorüberkommen muß. Man hätte gerechnet, daß auch Scharen von Kindern gekommen wären, für die der Abschied ja die fröhliche und freie neue Zukunft bringen soll. Diese Kleinen haben wohl die neue Zeit noch nicht erkannt, fühlen sich nicht mehr als ferienbefreit.
Manchem der Abreisenden war der Abschied aus dem Gewohnten nicht leicht gefallen. Der eine hatte hier auf pädagogische Ideale gehofft, eine andere hatte an ihre Nützlichkeit für die Gesellschaft geglaubt; aber die Möglichkeit, nun ganzjährig die Sommerferienstrände des Südens genießen zu können, entschädigte für alles.
Sandige Uferstreifen säumten den Fluß. Man begegnete Barkassen, die von den Wellen des Kielwassers berührt, zu schaukeln begannen, oder in einem Boot ohne Segel saß ein Mann und fischte. Später zerschmolzen die wandernden Nebel, die Sonne kam hervor; der Hügel der zur rechten die Elbe begleitete, flachte sich allmählich ab, dahinter tat sich der Blick zum Kraftwerk Wedel auf.
Zu denen, die mit den Abreisenden gar nicht in verwandtschaftlicher Beziehung stehen, kaum in freundschaftlicher, manchmal nur oberflächlicher bekannt schaftlicher gehört eine Gruppe von Buchhändlern und Antiquaren, die aber auch Tücher mit auffallender Fröhlichkeit schwenken. Der eine oder andere auf dem Schiff hatte zu den Kunden der Buchläden gehört, und weil einige dieser Kunden wegen Pingeligkeit und Weltfremdheit gar nicht beliebt waren, hatten die Buchhändler gern versprochen diese Neuerscheinung oder jenes gesuchte Werk nach Kreta, Mykonos oder sonst wo nachzu schicken. Bei den Winkenden stehen auch einige, die es vorgezogen hatten, anstatt Lehrer mit Pension zu werden, mit alten Büchern zu handeln.
Im Ausland gab es Verwunderung und Unverständnis über diese Aktion, die eigentlich nicht Auswanderung sondern eher Abschiebung war. Die Kultusmi nister und Schulsenatoren schickten alle Lehrer auf Staatskosten das ganze Jahr und für alle Zukunft an die Ferienstrände und in die Urlaubsparadiese, die bisher nur in den Schulferien GEW-Treffpunkte gewesen waren. Die Abschaffung der Schule also? Nein, so leicht machen wir Deutschen es uns nicht! Die Kinder werden auch weiterhin in den gro ßen mächtigen Gebäuden erwartet. Für den dort notwendigen Dienst genügt der Hausmei ster. In den Klassenräumen stehen Bildschirme, Videoapparate, eben was die neuen Me dien so umgibt, teils mit Tastatur, Zehnerblock, teils mit Maus, Lightpen oder Joystick. Schulpflicht ist nun Bildschirmpflicht!
Und das soll die Rettung sein, fragen viele Unverständige. Auch Eltern sind empört. Konnten sie die Kinderschar leicht am Nachmittag oder das ganze Wochenende mit Programmen vom Band oder Kanal ruhigstellen, kommen nun die Schü ler bildschirmmüde nach Hause, und in der Freizeit können sie durch nichts in der Welt nochmals vors Flimmern gebracht werden. Wenn die Schule die Einübung ins Leben sein soll, so war es nur folgerichtig, daß sie sich mit der Veränderung und Digitalisierung unseres Lebens auch selbst radikal veränderte. Sollen wir den Schülern weiterhin »von der Stirne heiß rinnen soll der Schweiß« beibringen, wenn in den Kanälen und Chips heute etwas ganz anderes rinnt?
Daß nun die Leute, die mit den Büchern handeln diese Veränderung begrüßen, werden Sie, lieber Leser paradox finden, wo doch vor Ihnen gleich das Gespenst des Analphabetentums an der Wand erscheint. Aber hatte nicht schon gerade das die veraltete Schule gebracht? Bieten Sie jungen Menschen mal ein Buch an, das auch nur ein wenig nach Literatur oder Klassik riecht. »Nee, da hamse uns doch schon inne Schule mit geödet!« wird er empört diese Zumutung zurückweisen. Wird nun die Lektüre nicht mehr zur verordneten Schulqual gehören, wird es Neugier darauf geben. So wie wir früher die Geheimnisse, was so unter der Gürtellinie passiert, verschwiegen heimlich austauschten und in Erfahrung brachten, so werden die Kinder sich bald gegenseitig über das Alphabet aufklären. Sie werden auf der Treppe zum Dachboden sitzen, in fahlem, matten Licht.
Sie werden erkennen: Hinter den Buchstaben sind lebendige Menschen zu fühlen. Was die Dachböden und Gerümpelecken nicht hergeben, werden sie in Buchläden suchen. Klugen wird der Einfall kommen, die Bücher wie Videokasetten ein zupacken, damit man auf der Straße damit nicht auffällt. Unter den Bettdecken wird es Heimlichkeiten mit Taschenlampen geben. Kerzen werden Brände verursachen.
Dort der Mann, er hatte gerade noch ein Bündel mit sichtbar angele senen Taschenbüchern an Bord gereicht, das ist ein Antiquar aus Berlin. Er winkt hinauf zu seiner Frau. Vielleicht hat er durch sie, sie ist Deutschlehrerin, die Zusammenhänge schon früher erkannt und sich darauf eingestellt. So hatte er sich auf den Handel mit alt griechischen und lateinischen Texte beschränkt, soetwas war in der Schule seltener gewor den und deshalb weniger verleidet und weckte schon jetzt Neugier. - Nun eine harte Trennung von seiner Frau? Nein, er verbringt ja sowieso ein paar Monate des Jahres auf griechischen Inseln.
Das Schulauer Fährhaus tauchte auf; schon kamen die beiden Brücken in Sicht, man fuhr an einer Seilerei vorbei und dann an einer Reihe niedriger Häuser; unten am Fluß standen Teerkessel, und Holzspäne waren aufgehäuft. Jungen liefen über den Sand und schlugen Rad.
© Volker Kunze, Antiquariat an den Ceciliengärten