Berlin - Weißensee
Der im Nordosten Berlins auf der Hochfläche des Barnim gelegene Bezirk Weißensee hat die geringste Einwohnerzahl aller Berliner Bezirke. Seine Bevölkerungsdichte wird nur noch von Zehlendorf und Köpenick unterschritten. Hinsichtlich der Gesamtfläche nimmt er die elfte Stelle ein. Der Bezirk umfaßt neben dem alten Dorf Weißensee die Ortsteile Karow, Blankenburg, Heinersdorf und (zur Hälfte) Malchow. Er grenzt zur Innenstadt hin an Prenzlauer Berg, im Westen und Norden an Pankow, im Nordosten an den Kreis Bernau des Landes Brandenburg, im Osten an den Bezirk Hohenschönhausen und im Süden mit einem kleinen Zipfel an Lichtenberg.

Der Bezirk entstand 1920 durch den Zusammenschluß der Dörfer Weißensee, Hohenschönhausen, Malchow, Wartenberg und Falkenberg sowie der zu den drei letztgenannten Gemeinden gehörenden Gutsbezirke zum 18. Verwaltungsbezirk von Groß-Berlin. Bei der Neugründung des Bezirks Marzahn im Jahre 1979 wurden 6,4 km² von Weißensee abgetrennt und dem neuen Bezirk hinzugefügt. 1985 wurde Weißensee nochmals neu strukturiert. Aus den bisherigen Ortsteilen Falkenberg, Hohenschönhausen, Wartenberg und dem östlichen Teil von Malchow (einschließlich des alten Dorfes) entstand der neue Bezirk Hohenschönhausen; Weißensee erhielt stattdessen mit Wirkung zum 1. Januar 1986 die bis dahin zu Pankow gehörenden Ortsteile Blankenburg, Heinersdorf und Karow.

Der an dem beinahe kreisförmigen Weißen See gelegene Ort Weißensee wurde um 1230 als Straßendorf an der mittelalterlichen Heerstraße von Berlin über Weißensee, Malchow und Bernau nach Oderberg gegründet. Seine erste urkundliche Erwähnung geht auf das Jahr 1313 zurück, als dem Heilig-Geist-Hospital in Berlin Rechte über vier Hufen aus "Wittense" (niederdeutsch: heller See) veräußert wurden. Schon 1242 war jedoch ein "Conradus de Widense" - vermutlich der erste Lehnschulze des Dorfes - urkundlich in Erscheinung getreten.

Der älteste Teil des Ortes befand sich am Ostufer des Sees in der Nähe der Kirche. Ihm gegenüber lag der Lehnschulzenhof. Der Ort dehnte sich mit seinen Bauern- und Kossätenhöfen in einer Länge von 500 m beiderseits der Dorfstraße aus. Ab 1490 gab es beim Dorf ein Rittergut (aus dem sich später zeitweilig weitere Teilgüter herausbildeten), das bis 1616 im Besitz der Berliner Familie von Blankenfelde war. Der Dreißigjährige Krieg verwüstete alle bäuerlichen Höfe; neue Anwesen entstanden erst im Laufe des 18. Jahrhunderts.

Die auf einem kleinen Hügel über dem einstigen Dorfanger und der Gerichtslinde stehende Kirche an der jetzigen Falkenberger Straße wurde vermutlich zu Beginn des 14. Jahrhunderts errichtet und mehrfach umgebaut. Vom ersten Bau aus bearbeiteten Feldsteinen ist heute noch der Turmunterbau erhalten. Das in gleicher Breite aus Backsteinen errichtete Schiff stammt aus dem 15. Jahrhundert. Im 19. Jahrhundert (1813, 1863 und 1899) wurde der Bau verlängert und überformt und schließlich durch ein Querschiff mit polygonalem Chor erweitert. 1948/49 baute man die 1943 durch Bomben zerstörte Kirche wieder auf.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Weißensee nicht einmal 200 Einwohner. Erst als 1821 der Kaufmann Leberecht Pistorius das Rittergut erwarb und intensiv bewirtschaftete, begann eine spürbare Aufwärtsentwicklung. Dazu trug auch die von ihm errichtete Schnapsbrennerei bei, die mit von ihm erfundenen und nach ihm benannten Destillierapparaten zur Alkoholherstellung aus Kartoffeln ausgerüstet war. Sein Nachfolger und Neffe, der Landesökonomierat Friedrich Wilhelm Lüderitz, ließ 1859 das alte Gutshaus durch einen zweistöckigen schloßähnlichen Neubau ersetzen (1919 abgebrannt) und den Schloßpark anlegen. 1872 erwarb der Hamburger Großkaufmann Gustav Adolf Schön den Ort. Nach Parzellierung und Verkauf wurden auf den ehemaligen Gutsflächen zumeist große Mietshäuser errichtet. Im Schloß und in Teilen des Parks eröffnete 1877 das nach seinem Besitzer Rudolph Sternecker genannte Ausflugs- und Vergnügungsetablissement "Zum Sternecker", das nicht zuletzt durch seine Feuerwerke eine vielbesuchte Attraktion für die Berliner wurde.

1878 ließ der 1877 gegründete Berliner Traberklub an der Stelle der heutigen Radrennbahn Weißensee und des benachbarten Sportzentrums an der Rennbahnstraße eine Trabrennbahn bauen und machte den Ort damit zur Wiege des Berliner Trabersports. Nach den Gründerjahren wuchs Weißensee schnell zu einem bedeutenden Arbeiterwohn- und Industrievorort Berlins heran. Die Einwohnerzahl stieg von 467 (1871) auf rund 20.000 (1890) und verdoppelte sich nochmals in den folgenden 15 Jahren. 1880 wurde der Gutsbezirk zur selbständigen Gemeinde Weißensee erhoben, die jedoch 1905 wieder mit der zwischenzeitlich zeitweise Alt-Weißensee genannten Stammgemeinde vereinigt wurde.

Wesentlich für den Aufschwung des Ortes waren die guten Verkehrsverbindungen nach Berlin. Auf der Streckenführung der heutigen Bundesstraße 2 - vom Alexanderplatz in Mitte über Otto-Braun- und Greifswalder Straße zur Berliner Allee - richtete die Neue Berliner Pferdeeisenbahngesellschaft 1876 eine erste eingleisige Strecke ein, der 1892 eine zweite folgte und die 1901 beide elektrifiziert wurden. Die Bahn stellte ein verkehrstechnisches Unikum dar: als eine Art Kombination von Eisenbahn und Omnibus konnten die in der Regel auf Schienen laufenden, jedoch nur durch ein (inzwischen sprichwörtlich gewordenes) "fünftes Rad am Wagen" in der Spur gehaltenen Fahrzeuge bei Gegenverkehr oder Hindernissen mittels Hebelbetätigung ihre Gleise verlassen. - Bereits 1885 war Weißensee durch vier weitere Pferdeomnibuslinien mit Berlin verbunden. Seit 1924 fährt die S-Bahn über Karow nach Bernau und der nördliche S-Bahn-Ring führt über den im Bezirk Prenzlauer Berg gelegenen Bahnhof Weißensee an den Bezirk heran. Untereinander und mit anderen Bezirken sind die einzelnen Ortsteile des Bezirks durch mehrere Omnibus- und Straßenbahnlinien verbunden.

Trotz der fortschreitenden Industrialisierung blieb Weißensee ein Bezirk mit vielen Grünanlagen und Freizeitflächen. Auf jeden Bürger entfallen hier rund 250 m² Grünfläche, die durch 8.000 Straßenbäume, vor allem Linden und Ahorn, ergänzt werden. Am Weißen See befindet sich das einzige Freibad des Bezirks, in der umgebenden Parkanlage eine Freilichtbühne und ein Tiergehege. Auf ca. 300 ha der Bezirksfläche erstrecken sich 37 Kleingartenanlagen, hinzu kommen zehn landschaftlich gestaltete Siedlungen. Als Naherholungsgebiete sind der Park am Weißen See und die Kleingartenanlage Märchenland am Westrand von Malchow, in dem sich ein für die Vogelfauna wichtiges Landschaftsschutzgebiet befindet, von überbezirklicher Bedeutung. Eine naturräumliche Besonderheit ist auch das in der Nähe des Stadions Buschallee gelegene 25 ha große Naturschutzgebiet Fauler See in dem seit der Neustrukturierung der nördlichen Bezirke Ost-Berlins 1985 zu Weißensee gehörenden Volkspark Hohenschönhausen.

Der 1880 eröffnete Jüdische Friedhof Weißensee in der Herbert-Baum-Straße (früher Lothringer Straße) ist mit mehr als 40 ha einer der größten jüdischen Begräbnisplätze Europas. Ein zweiter, ebenfalls 1880 angelegter jüdischer Friedhof der Israelitischen Synagogen-Gemeinde (Adass Jisroel) in der Wittlicher Straße, wurde ab 1945 nicht mehr belegt. Bereits dem Verfall preisgegeben, wurde er ab 1987 instandgesetzt und 1991 als Begräbnisstätte wiedereröffnet.